Mittwoch, 15. Juni 2011

Vorwerfen um des Vorwerfens willen



Einfache Frage: Fällt durch die Kehrtwende der CDU in Sachen Atom eine wesentliche Hürde für eine schwarz-grüne Koalition? Einfache und ehrliche Antwort, der wohl keiner widersprechen mag: Ja. Mehr hat der grüne Landesvater Kretschmann nicht gesagt. Alles was er danach relativierend gesagt hat interessiert keinen, denn das lenkt von der Story ab: Kretschmann bandelt mit der CDU an. Dass das Unfug ist, interessiert kaum jemanden in der Presse, denn dann wäre die schöne Neuauflage der Debatte und somit die Story futsch. Eine Suggestivfrage reicht, um eine blödsinnige Debatte und Artikellawine auszulösen, und alle machen mit. Ich erwarte von der seriösen Presse, dass sie mal nicht auf den Zug aufspringt sondern solchen aufgeblasenen Debatten die Luft aus den Segeln nimmt. Da kann ich offensichtlich lange warten. Oder selbst was schreiben.

Und das Herr Kretschmann Frau Merkel zum Atomausstieg großen Respekt zollt, ist ein Zeichen von Größe. Es ist egal, warum die CDU so schnell ihre Ansichten geändert hat. Alles was zählt ist der Ausstieg. Natürlich müssen die Grünen sehr genau hinschauen, ob das keine Mogelpackung ist. Aber auch hier finde ich es befremdlich, wenn der CDU Unglaubwürdigkeit vorgeworfen wird. Ganz allgemein: Wenn man es schafft, den Gegner von etwas zu überzeugen, dann sollte man darauf verzichten, ihm vorzuwerfen, er habe seine alte Position verlassen. Vorwerfen um der Vorwerfen willen mag eine beliebte politische Taktik sein, macht den Vorwerfer aber unglaubwürdig. Ich habe die Nase voll von politischen Spielchen. Und einer Presse, die emsig mitspielt.

Sitzblockade im Landtag



Jetzt sind die Grünen endlich an der Regierung, doch das Großbauprojekt Stuttgart 21 wird immer noch gebaut! So empören sich viele, zum Beispiel die Radikalinskis unter den Bahnhofsgegnern. Oder die Grünengegner – sie prangern gebrochene Wahlversprechen an. Ja was erwarten die denn? Das die Grünen Sitzblockaden im Landtag veranstalten? Das sie der Rechtsstaatlichkeit einen Tritt in den Hintern verpassen, Hauptsache oben bleiben? Ich kann mich nicht erinnern, dass ein Grüner Wahlversprechen abgegeben hätte, die sich außerhalb des gesetzlichen Rahmens bewegen würden. Natürlich muss die Polizei auch bei einer grünen Regierung Sitzblockaden auflösen. Doch genau daraus versuchen ihnen populistische Medien wie die Bild einen Strick zu drehen.  „Auch grüner Ministerpräsident lässt Blockade räumen“ ruft sie empört ihren Lesern entgegen. „Für die Grünen-Regierung räumten 100 Einsatzkräfte die Baustelle ...“ schreiben sie weiter. Werden auch Strafzettel im Auftrag der Grünen-Regierung ausgestellt? Wer die Unwissenheit seiner Leser über die Funktionsweise des Landes nicht nur ausnützt, sondern auch noch schürt, macht sich der Volksverdummung und Hetze schuldig. Das ist unverantwortlich und eine Schande für den Journalismus.

Die Grünen sind an der Regierung und sie nutzen alle rechtsstaatlichen Mittel, die ihnen zur Verfügung stehen, um die Übel des drohenden Erdbahnhofs vom Land abzuwenden. Nicht mehr, nicht weniger. Für die außerparlamentarische Opposition sind andere da.

Montag, 13. Juni 2011

Stuttgarts ehrlichste Kackbude



Ehrlichkeit ist eine feine Sache, auch wenn sie schonungslos ist. Bei diesem Klohäuschen am Wilhelmsplatz kann man gleich erkennen, was einen erwartet, wenn man 50 Cent für den Besuch bezahlt. Neugierig wie ich bin, hab ich eine Münze eingeworfen, wurde aber enttäuscht – die Kackbude war außer Betrieb, das Geld fiel durch. Vielleicht ist das auch besser so. Ich bin dann ins La Concha gegangen um das dort getrunkene Bier wieder in den Wasserkreislauf zurück zu führen.

Zuvor erschienen auf brezel.me

Samstag, 11. Juni 2011

Medea

Immer nur virtuell nervt auf Dauer auch, denk ich mir und gehe mal wieder ins Theater. Hier ist die Illusion greif- und unmittelbar. Besonders schön, wenn Freunde etwas inszenieren, in diesem Fall Ulrike und Velemir. Ob Malerei, Puppenspiel, Schauspiel oder Musik, die beiden schaffen es immer wieder, die Welt in einen magischen Ort zu verwandeln.

Ihr neuestes Stück „Medea“ wurde gestern im Theaterhaus uraufgeführt. Sie haben den klassischen Stoff modern umgesetzt. Da ich wahrlich keine Fachfrau für klassische Stoffe bin, will ich über die Adaption nicht weiter rumklugscheißen, mich interessiert viel mehr, was das Stück mir sagt. Und da ist es manchmal von Vorteil, Banausin zu sein. Ich kann mich viel unbeschwerter in das Stück vertiefen. Das Inszenierungsrumgekrittel überlass ich den Theaterkritikern, die dafür ihre eigenen Maßstäbe haben.

Handlungsort ist eine Dystopie, ein technokratischer Überwachungsstaat, beherrscht und unterdrückt von Kreon, einem skrupellosen Machtmenschen. Medea, eine Redakteurin der alles andere als freien Zeitung "Grenzenlose Wahrheit" bemerkt, dass Kinder im Land verschwinden. Ihr Chef Max warnt sie davor, das Thema zu verfolgen. Zuhause droht der nächste Ärger: Jason, ihr Gatte, fürchtet den sozialen Abstieg und will Kariere machen, um jeden Preis. Als Despot Kreon ihm einen hohen Posten verspricht, sagt er zu. Doch dazu muss er dessen Tochter, die eiskalte, im Reaktor erschaffene Glauke ehelichen. Währenddessen entdeckt Medea, dass die verschwundenen Kinder von der Regierung zur Prostitution gezwungen werden. Glauke fordert währenddessen Jason dazu auf, ihr seine Kinder zu bringen, was der verängstige Karierist dann auch tut. Medeas systemkritischen Nachforschungen fliegen auf, sie wird verurteilt und erschossen. Fast. Sie überlebt, besinnt sich ihrer Zauberkräfte und wirft das System in Chaos. Danach rettet sie ihre Kinder und will fliehen.

Dystopien zeigen gefährliche Entwicklungen in der gegenwärtigen Gesellschaft auf. In diesem Stück wird neben der üblichen Medien-, Technologie- und Überwachungskritik das Augenmerk auf Kinder gelegt. Im technokratischen Staat Kreons sind sie eine Ressource, die so effektiv wie möglich ausgebeutet werden muss. Unsere Gesellschaft ist auf dem besten Weg dort hin. Kinder werden immer früher eingeschult, müssen in immer kürzerer Zeit ihren Stoff lernen. Da bleibt wenig Freiraum zum Spielen.

Nicht nur das System übt heute Druck auf die Kinder aus, auch der Erwartungsdruck der Eltern steigt. Früh übt sich, wer Karriere machen soll. Schon in der Kita wird zweisprachig erzogen. Um den höheren Druck gerecht zu werden, werden in Deutschland jedes Jahr drei Milliarden Euro für Nachhilfe ausgegeben. Wenn die Bälger einen eigenen Kopf haben, dann gibt's eine Runde Ritalin und es ist Ruhe im Karton. Hauptsache man kommt ohne große Umwege so schnell wie möglich ins Arbeitsleben. Da bleibt den Kindern kaum noch Zeit und Muse, sich selbst zu entdecken, Umwege zu machen, auszuprobieren. Und da bleibt auch einiges auf der Strecke, wie zum Beispiel die Entwicklung eines gesunden Charakters. Wie viele Genies unserer Geschichte würde man heute als Kinder schon chemisch ruhig stellen? Wo wäre unsere Kultur ohne die Unangepassten, die Querschläger und -denker?

Burnout lautet immer häufiger die Diagnose bei überforderten Kindern. Sie leiden an Depressionen, weil sie Angst haben, den Erwartungen nicht gerecht zu werden. Doch wozu ist das gut? Um noch schneller in der globalisierten Welt mithalten zu können. Um unzählige kleine Zahnrädchen für ein reibungsloses System zu schaffen, das noch mehr Dinge produziert, deren Bedarf erst noch geweckt werden muss.

Alle reden vom Fortschritt. Doch was schreitet eigentlich voran? Macht er uns glücklicher? Sind unsere Leben erfüllter? Kann etwas glücklich machen, dessen Preis das Unglück ist? Wir wissen die Antwort, irgendwo ganz tief verschüttet. Verschüttet von der Angst, vom vermeintlichen Fortschritt abgehängt zu werden. Ab und an lohnt es sich mal inne zu halten und zu überlegen, was Glück für einen wirklich bedeutet. Zu hinterfragen, wohin das eigene Streben führt, ob die Ziele den Preis wert sind, die sie einem abverlangen.

Das hört sich jetzt nach handelsüblicher postmaterialistischer Antikapitalismusnölerei an, und das ist es auch. Wir alle haben diese Werte mehr oder weniger schon mit der Muttermilch eingeflößt bekommen und können uns auch nicht so leicht von ihnen lösen. Aber man muss ja nicht gleich über den eigenen Schatten springen, manchmal reicht es auch schon, sich des Schattens bewusst sein.

Das Theaterstück von Ulrike und Velemir hat mich daran erinnert, meine eigenen Werte und Ziele mal wieder zu überdenken. Und daran, dass meine Kindheit noch lange nicht abgeschlossen ist.

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Fotos: Martin Zentner

Ulrike Stegmiller: Schauspiel, Figurentheater
Velemir Pankratov: Schauspiel, Figurentheater, Musik, Puppenbau, Konzeption des Stückes
Daniel Oberegger: Filmschnitt, Schauspiel 
Till Sarach: Musik
Wilfried Kessler: Regie 

Freitag, 10. Juni 2011

RaumWelten 2011

[caption id="" align="aligncenter" width="584" caption="Foto: Susanne Wegner"][/caption]


Tipp für heute Abend:

Drei sehr von mir geschätzte Fotografen haben sich mit der Urbanität Stuttgarts auseinandergesetzt und stellen gemeinsam in Markos Gallerie „Schacher – Raum für Kunst“ aus.

[caption id="" align="aligncenter" width="592" caption="Foto: Josh von Staudach"][/caption]


http://www.susannewegner.de/raumwelten2011.html

http://www.joshvonstaudach.de/raumwelten2011/

http://www.peterfranck.de/

Einführung: Winfried Stürzl M.A.

Ausstellungsdauer: 11. Juni bis 9. Juli 2011
Öffnungszeiten: Di–Fr 14–19 Uhr, Sa 11–16 Uhr

Ort: Galerienhaus, Breitscheidstr. 48, 70176 Stuttgart
www.galerie-schacher.de

Dienstag, 7. Juni 2011

Laetitia

Sollte mich jemand fragen, welche Musik der Soundtrack meines Lebens sein sollte, dann würde ich keine Sekunde überlegen. Seit ich Mitte der Neunziger auf Stereolab gestoßen bin vergingen nur wenige Tage, an denen ich die Band nicht gehört hab. Klingt komisch, kann ich aber erklären. Stereolab hat eine magische Fähigkeit. Während man sich an jeder anderen Band früher oder später überhört ist mir das bei Stereolab noch nie passiert. Im Laufe der 19 Jahre die die Band bestand haben sie einen halben Regalmeter Platten veröffentlicht, alles von hypnotischem Gitarrengeschrammel bis experimentellem Elektronikgeschraube. Bei der ganzen Bandbreite gibt es eine Konstante: Laetita Sadier. Die Sängerin und Texterin ist mit ihrer wunderschönen Stimme das akustische Sahnehäubchen der meiner Ansicht nach großartigsten Band der Welt. Neben Stereolab hatte Laetitia auch ihr eigenes Projekt: Monade. Ähnliche Richtung, weniger komplex, etwas rauher und herzlicher, auch große Klasse. Stereolab und Monade gibt es nicht mehr, Laetitia hat ein Soloalbum herausgebracht und geht jetzt ohne Begleitmusiker auf die Bühne. So zum Beispiel gestern Abend in Stuttgart in den Club Schocken, beliebter Anlaufpunkt für Motor-FM-Hörer.

Ob es am drohenden Gewitter liegt oder daran, dass es Montag ist, weiß ich nicht. Es sind jedenfalls nur 30 Leute im Raum, als Laetita Sadier die sehr karg eingerichtete Bühne betritt. Ein Fender-Gitarrenverstärker, ein Mikrophon, ein Effektgerät, eine Setlist, eine Wasserflasche und natürlich Laetitia mit ihrer Gitarre, eine linksherum gehaltene Gibson SG. Während Stereolab wie ein wandelnder Musikalienhändler daherkam reist Laetitia nur mit Handgepäck. Sie legt los und sich an. Mit dem ersten Lied. Das will nicht. Nach mehreren erfolglosen Versuchen der Gitarre die richtigen Akkorde zu entlocken gibt sie auf, geht zum nächsten Lied über. Nach drei Lieder ist sie warmgespielt. Laetitias Gitarrenspiel ist nicht virtuos, muss es aber auch nicht sein, denn es muss nur ihre Stimme begleiten. Und die ist der Star des Abends. Sie spielt Lieder ihres neuen Albums sowie einiges von Monade. Die Abwesenheit der Bands, die auf ihren Platten zu hören sind, verleiht den Liedern einen eigenen Charakter. Manchmal fehlt was, manchmal kommt etwas zu Vorschein, was mich total bezaubert. Wie auch ihr leiser, aber überwältigender Charme. Die Jungs im Publikum stehen trancehaft im Raum, einer verliebter als der andere. Wäre ich selbst einer, täte ich es ihnen gleich. Laetitia hätte von mir aus die ganze Nacht noch singen können, mein Zeitgefühl ging verloren. Hat sie aber nicht, zwei Zugaben und sie verlässt die Bühne, verkauft noch ein paar CD mit persönlicher Widmung und entschwindet.

Ich muss wohl ein Sonderling sein, wenn mein persönlicher „Superstar“ gerade mal 30 Leute anzieht. Das hat aber auch was Schönes, denn wer kann denn sonst schon so nah an sein Idol rankommen? An alle Stuttgarter Sonderlinge, die nicht da waren: Ihr habt was verpasst. Letzte Chance: Heute in Frankfurt in der Brotfabrik, morgen in Münster im Gleis 22 oder übermorgen in Heidelberg im Karlstorbahnhof könnt ihr sie sehen. Oder am 13. in New York.

Etwas genauer auf das Konzert geht Bloggerkollege Lino im Gig-Blog ein, der sie im Vorfeld auch schon interviewt hat.

Auf jeden Fall lohnt es sich, die Soloplatte „The Trip“ zu kaufen.

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Fotos: Martin Zentner

PS: Falls sich jemand je fragte, woher ich meinen Zweitname habe, kennt jetzt die Antwort.

Samstag, 4. Juni 2011

Der goldene Vogel der Erkenntnis

Jetzt reicht's erstmal mit schwerer Kost hier, sonst könnte man noch meinen das sei hier ein politischer Blog mit moralapostolischem Auftrag. Klar hab ich schon den nächsten Klopper in der Mache, aber ich hab mich in der letzten Woche genug mit Volksfronten und jenen, die sich verwehren als solche bezeichnet zu werden gerauft. Da zeig ich doch lieber mal was Nettes, zum Beispiel ein neues T-Shirt, dass ich erfunden hab und das natürlich auch gekauft werden kann. "Der goldene Vogel der Erkenntnis" ist eine Mischung aus Doppelkopfvogel, Reptil und Geäst, das aus ihm selbst entwächst. Er schmückt den Damenbauch und kann auch zu roten Fingernägeln getragen werden. Das T-Shirt wurde inspiriert durch Humberto Maturana, der mich in der Erkenntnissuche ein paar Haltestellen mitgenommen hat und ist Dagi gewidment, von der ich die Weisheit der grundlosen Freude gelernt hab und die mir Humberto vorgestellt hat.

PS: Ich hab grad gesehen, dass ein T-Shirt verkauft wurde. Wer auch immer es hat, darf mir gerne ein Bild von sich im Shirt schicken. Das würde mich freuen. Noch verkauf ich nicht so viel, was auch an mangelnder Werbung liegt. Da freu ich mich über jedes Hemdchen, dass irgendwo jemanden kleidet und vielleicht sogar glücklich macht.

[caption id="" align="alignnone" width="280" caption="Goldener Vogel der Erkenntnis, mit V-Ausschnitt Lang geschnittenes, körperbetontes T-Shirt für Mädchen, 100% Baumwolle, Marke: Continental Clothing, €21,-"][/caption]

Freitag, 3. Juni 2011

Nach der Wahl ist vor der Wahl



Liebe CDU,
wir sehen ja ein, dass es nach 58 Jahren schwer fällt, den Platz zu räumen. Aber die Wahl ist jetzt schon die eine oder andere Woche rum und die nächste kommt erst in fünf Jahren. Ein Bitte: Hängt das Plakat ab, bevor es vollkommen grün überwuchert wird.

Zuvor erschienen bei brezel.me

Mittwoch, 1. Juni 2011

Neues von der Spalterin





Auf den Artikel „Spalter!“ folgte einiges an Kritik, die für Außenstehende teilweise etwas kryptisch klingen mag. Kein Wunder: Einige Kommentare bezogen sich nicht auf meinen Artikel. Ich will hier mal ein bisschen Licht ins Dunkel bringen, dabei aber keine Namen nennen, weil das der Diskussion nicht zuträglich wäre. Ich möchte mich auch zu einigen Vorwürfen zum Thema Kritik äußern. In einem anderen Artikel („Schisma“) habe ich meine Erkenntnisse aus der Kritik zusammengefasst um eine Grundlage für das Finden von gangbaren Lösungswegen zu schaffen. Alles hier gesagte ist meine persönliche Einschätzung und erhebt weder Anspruch auf Vollständigkeit noch Objektivität. Die gibt es in dieser Sache nicht.

Ich war, wie das bei Facebook leider möglich ist, ungefragtes Mitglied einer geheimen Gruppe, die ich hier mal der Anonymität halber die Judäische Volksfront nennen will. Diese planten und führten eine Aktion durch, die ich im Nachhinein hinterfragt und in einer anderen geschlossenen Gruppe verurteilt habe. Das hatte meinen gerechtfertigten Rauswurf wegen Geheimnisverrat zur Folge, ich habe aber die Erwähnung der fragwürdigen Aktion auch wieder gelöscht. Der darauf hin entstandene Artikel hat davon nichts erwähnt, wurde jedoch von den Mitgliedern der Judäischen Volksfront wohl (teilweise zu Recht) auf sich bezogen empfunden und somit als Affront gesehen. Da ich einige Mitglieder dieser Volksfront persönlich sehr schätze habe ich weiterhin darauf verzichtet, Ross und Reiter zu nennen. Nichts desto trotz hagelte es Kommentare, in denen mitunter versucht wurde, die Aktion zu rechtfertigen. Wenn man nicht möchte, dass etwas an die Öffentlichkeit gerät, dann ist das wohl der Falsche Weg. Und wenn alles im Lot wäre, warum dann die Angst, das etwas thematisiert wird? Auf jeden Fall war mein Artikel keine explizite Replik auf das Verhalten der Judäischen Volksfront, wurde dadurch aber ausgelöst. Das Thema geisterte schon viel länger in meinem Kopf und in Gesprächen mit anderen rum. Die Reaktionen aus der Judäischen Volksfront bestätigen meine Beobachtungen.

Ich freue mich über die inhaltliche Auseinandersetzung mit dem, was ich hier so von mir geb. Andere Meinungen sehe ich als Chance meinen Horizont zu erweitern. Wer diesen Blog hier verfolgt weiß, dass ich keine Diskussion gescheut habe. Voraussetzung für einen konstruktiven Dialog ist jedoch die Bereitschaft, dem anderen zuzuhören, darüber nachzudenken und eine reflektierte Antwort zu geben. Vorgekautes aus dem großen Schrank der Parolen ignoriere ich auch mal, da es niemanden weiterbringt. Außerdem: Beleidigungen sollten bitte halbwegs geistreich sein. Einige Kommentare zu meinem letzten Artikel unterstellten diesem Inhalte, deren Abwesenheit nur jemand bemerkt hätte, der ihn gelesen hat. Diese Form des Kommentars ist Zeitverschwendung und diskreditiert seinen Verfasser. Ich bin mir auch sicher, dass nicht jeder diesen Artikel über seine zugegebenermaßen lange Strecke aufmerksam liest. Kommentare, die auf Ignoranz des Kommentierten schließen lassen, kann ich bei bestem Willen nicht ernst nehmen.

Ich habe übrigens schon oft bemerkt, dass jene die interne Kritik für illegitim halten, gerne über die nachlassende Demobegeisterung anderer herziehen. Da werden zwei Maßstäbe an ein und das selbe angesetzt.

Ich hoffe, dass die Diskussion etwas an Sachlichkeit gewinnt.

Schisma

Mein letzter Artikel hat offensichtlich eine Menge Leser bewegt. Die einen waren dankbar, dass jemand die Kritik an der Entwicklung des Widerstands gegen das Stuttgarter Großprojekt Stuttgart 21 endlich mal auf den Tisch bringt, andere echauffierten sich. Auch wenn es hier um ein lokales Problem geht, kann man alles Gesagte auf andere Bewegungen anwenden.

In den Kommentaren wurde einerseits über meine Motivation, andererseits über die Auswirkung des Artikels spekuliert. Dabei haben sich zwei interessante und eine in Kauf genommene Positionen herauskristallisiert: Die einen sind der Meinung, dass das Gesagte mal gesagt werden musste, da ihrer Ansicht nach die Bewegung wachgerüttelt gehört. Die anderen sehen darin ein Fall von Selbstzerfleischung des Widerstands, der sich nur mit dorischer Profilierungssucht erklären lässt. Die S21-Befürworter sahen sich in ihrer Protestkritik bestätigt.

Zu meiner Profilneurose: Wollte ich mich profilieren, dann hätte ich mich voll und ganz auf eine Seite geschlagen und auf die andere eingedroschen. Das hätte vielen gefallen, sie hätten mich vielleicht sogar dafür bewundert und wären mir gefolgt. Meine Feinde wären klar identifizierbar gewesen und ich hätte die volle Unterstützung meiner Seite gehabt. Hab ich aber nicht. Stattdessen hab ich einen Eklat produziert, viele Leute haben mir den Rücken zugekehrt, mich persönlich angegriffen und zur Persona non grata erklärt. Manche pflegen ein rebellisches Image, fühlen sich erst wohl wenn sie keiner mehr mag. Sie provozieren auch gegen ihre eigene Meinung. Um des Provozierens willens. Wer diesen Blog kennt, kann sich selbst ein Bild von mir machen.

Natürlich profiliere ich mich in meinen Texten. Sonst würde ich keinen Blog unter eigenem Namen schreiben. Jeder, der seine Meinung öffentlich verbreitet, schärft damit sein Profil. Egal ob in Facebookkommentaren oder auf der Montagsdemobühne. Wenn das Gesagte ins eigene Weltbild passt, dann wird das toleriert und „gefällt mir“ gedrückt, respektive „oben bleiben“ geschrien. Wenn nicht, dann gibt's was auf die Mütze. Der Vorwurf, nur aus Wichtigtuerei einen kontroversen Kommentar zu veröffentlichen, nehme ich keinem ab, der selbst aktiv an der Kommunikation teilnimmt. Handelt es sich bei diesem Vorwurf um den Versuch, sich vor der sachlichen Diskussion zu drücken in dem man das Gegenüber diskreditiert? Nicht immer.

Es gibt auch eine andere Interpretation: Zwei Weltsichten prallen aufeinander. Das ist man ja schon gewohnt, wenn es um die Bahnhofsfrage und die zugrunde liegenden Wertvorstellungen geht. Irritierend ist es, wenn sich innerhalb einer Gruppierung ein Schisma auftut. Jede Seite ist weiterhin im vermeintlichen Besitz der Wahrheit und kann die Kritik der anderen Seite nicht nachvollziehen. Das Resultat: Endlose Diskussionen, die daran scheitern, dass man von unterschiedlichen Grundannahmen ausgeht.

Wenn die andere Position dadurch so fremd wird, dass man deren Sachlichkeit nicht mehr anerkennen kann, ist es schon nachvollziehbar, dass man den Urheber in Frage stellt. Offensichtlich ist das bei meiner These für einige der Fall. Anstelle wie wild weiter zu diskutieren muss ich mal inne halten und überlegen, welche unterschiedlichen Annahmen dem Schisma zu Grunde liegen. Wo unterscheidet sich meine Sichtweise von der meiner neuen Opponenten? Da ich immer nur von mir selbst ausgehen kann ist das keine triviale Frage. Aber ich will mich mal an ihr versuchen. Bitte korrigiert mich, wenn ich total daneben liege. Oder legt mir selbst eure Sichtweise dar.

Streitbar ist das Thema Zweck. In wie fern heiligt er die Mittel?
Wenn die Gegenseite mit unlauteren Mitteln strategisch gegen den Widerstand vorgeht, würde man den Kampf verlieren, wenn man stets sauber bleibt. Man muss selbst strategisch handeln um überhaupt eine Chance zu haben. Dazu gehört auch, dass man im Verborgenen handelt und notfalls auch manipuliert. Das ist nicht schön, aber leider notwendig. Gemessen an den Mauscheleien der Tunnelparteien ist das alles Pillepalle. Außerdem profitiert keiner davon, man tut es ja für eine gute Sache, nicht für die eigene Tasche. Die unterschiedliche Motivation ist Basis einer unterschiedlichen moralischen Wertigkeit des Handelns beider Parteien. Wer mit dem Zeigefinger auf die eigenen kleinen Tricksereien zeigt, sollte lieber bei der Gegenseite die großen Sauereien suchen. Letztendlich geht es darum, die Stadt vor den Eigeninteressen korrupter Politiker und Unternehmer zu schützen.

Dieses halbwegs utilitaristische Handlungsprinzip ist nachvollziehbar, soll es doch den größtmöglichen Nutzen nach sich ziehen. Ich gebe jedoch zu bedenken: Wer trickst oder verheimlicht macht sich unglaubwürdig. Eine große Stärke des Protests war doch, dass er offen und ehrlich war. Das Gemauschel der Mächtigen war eben jener Grund, der die Leute auf die Straße gebracht hat. Wenn Aktionen hinter verschlossenen Türen geplant und deren Teilnehmer zur Verschwiegenheit angemahnt werden, dann werden andere stutzig. Man darf sich halt nicht erwischen lassen. Das ist aber leider nicht zu vermeiden, wenn zu viele Menschen beteiligt sind, die obendrein selbst noch Zweifel hegen. Es gilt abzuwägen: Rechtfertigt der Nutzen einer Aktion das potenziell verspielte Vertrauen? Rechtfertigt es unter Umständen die Einschüchterung Beteiligter um deren Geschlossenheit zu garantieren?

Andere sagen ja, ich sage nein.
Nun kann es ja mal passieren, dass man im Eifer des Gefechts in der Wahl der Mittel über das Ziel hinaus schießt. Ist es dann gerechtfertigt, im Nachhinein die Aktion zu verurteilen, schlimmstenfalls sogar außerhalb der Gruppe? Es wäre dabei ja nichts gewonnen, nur Unfriede gesät und unter Umständen dem Gegner eine Blöße gegeben. Jeder soll auf seine Weise politisch aktiv sein, niemand hat das Recht, über andere zu urteilen. Wenn einem die Mittel nicht passen, dann muss man ja nicht mitmachen.

Die Freiheit des einzelnen oder Gruppen von ihnen so zu handeln wie sie wollen wiegt schwer. Dem potenziellen Kritiker bleibt nur die Möglichkeit sich schweigend zu distanzieren. Die Gefahr besteht darin, dass ein kontroverser Diskurs innerhalb der Bewegung unmöglich gemacht wird. Kritische Meinungsäußerungen werden als Verurteilung verurteilt, sind nicht erwünscht. Kommunikation dient dann nur noch dem gegenseitigen Schulterklopfen und der Schmähung des Feindes. Oder sie entfällt.

Es gibt bestimmt noch viele andere Punkte wo grundsätzliche Ansichten divergieren. Zum Beispiel die Frage ob es legitim ist, zur Vereinfachung der hochkomplexen Thematik alles schwarzweiß zu zeichnen und auf „wir“ und „die“ zu reduzieren, aber das führt jetzt zu weit, ich glaube ich habe das Grundprinzip des Problem ausreichend erörtert.

Doch wie findet man nun eine Lösung? Sollen nun alle den Mund halten und jeder für sich selbst so vor sich hinprotestieren, oder sollten wir riskieren in internen Auseinandersetzungen das gemeinsame Ziel aus den Augen zu verlieren? Gibt es überhaupt eine Lösung, oder ist sie überhaupt erwünscht? Ich weiß es nicht, mach mir aber Gedanken dazu und freue mich über jeden konstruktiven Beitrag. Egal ob von der Juchtenkäfer-Volksfront, den naiven Gutmenschen oder den Erdbahnhofsfreunden. In der Diskussion sind wir alle gleich.

Ich kann hier nur für mich sprechen. Ich beobachte mein Umfeld, beurteile, verurteile, kritisiere und gebe meinen Senf dazu – öffentlich. Das ist der Sinn dieses Blogs. Ich lasse mich nicht in eine Kiste stecken und versuche allen Seiten gegenüber im selben Maße kritisch zu bleiben. Ich habe eine Position, doch die bestimme ich jeden Tag aufs neue. Also Obacht, liebe Volksfronten: Ich bin eine potenzielle Spalterin, unkontrollierbar und geschwätzig. Wen ihr was zu verbergen habt, dann verbergt es vor mir.

Mittwoch, 25. Mai 2011

Spalter!



Wie bei vielen ist bei mir in der letzten Zeit – genau gesagt seit der Landtagswahl – die Protestfreude etwas eingeschlafen. Wir haben es nicht nur geschafft, die Laufzeitverlängerung eines störanfälligen Landesvaters abzuwenden, sondern sogar dessen Antipode ins Amt gewählt. Aber eine Altlast einer geistig im Wirtschaftswunder steckengebliebenen Regierung haben wir immer noch an der Backe hängen: Der Erdbahnhof namens Stuttgart 21, ein Größenwahnprojekt, dessen Nutzen jenseits unspezifischer Wachstumträume unüberschaubare Kosten entgegen stehen. Damit hat alles angefangen, das war der gemeinsame Nenner des Protestes, der sich in allgemeine Systemkritik ausgeweitet hat. Eine Schlichtung und viele Blockaden später hat sich am grundsätzlichen Problem nichts, am Widerstand jedoch einiges geändert.

Das Volk wurde anfangs laut, weil es keiner hören wollte. Mit kreativem Engagement breiter Schichten wurde so viel Rabatz gemacht, dass sich kein noch so ignoranter Politiker mehr davor verschließen konnte. Deutschlandweit wurde der Stuttgarter Bahnhof durch die Medien gejagt und hat vielen Politikern die Karriere versaut. Es schien, als hätte der Protest Erfolg gehabt. Hat er aber nicht. Der Bahnhof soll immer noch gebaut werden. Aber noch kann er gestoppt werden. Theoretisch auf jeden Fall. Ob es wirklich geht und mit welchen Mitteln ist eine kontroverse Frage, die einst vereinte Erdbahnhofsgegner heute entzweit. Ob Montagsdemos, Sitzblockaden, ziviler Widerstand, Parkbesetzung oder Schwabenstreich, die Mittel des Protests sind mannigfaltig. Doch welche davon heiligt der Zweck? Darüber könnte man diskutieren, streitet aber viel lieber.

Jeder hat sein eigenes Maß, ich kann hier nur von meinem sprechen. Ich frage mich zum Beispiel stets, wie ich reagieren würde wenn der politische Gegner das selbe täte. Tut er vielleicht sogar. Aber das rechtfertigt nicht, dass ich es ihm gleich tue. Wer „Lügenpack“ ruft, darf selbst nicht versuchen, die anderen zu täuschen. Wer Offenheit fordert, sollte nicht im Verborgenen mauscheln. Auch wenn es dem Zweck diente. Viel zu oft bemerke ich, dass die gefühlte moralische Überlegenheit als Rechtfertigung für fragwürdiges Handeln herhalten muss. Nur weil man sich im Recht wähnt, hat man nicht mehr Rechte. Man wird schnell selbst zu dem, wogegen man auf die Straße geht.

youtube=http://www.youtube.com/watch?v=7aBwSZTiqqI

Dabeisein ist alles
Ich halte es für notwendig, das eigene Handeln stets kritisch zu hinterfragen. Das schwächt nur auf den ersten Blick das Vertrauen in dessen Angemessenheit, aber nicht alle wagen einen zweiten Blick. Wer hinterfragt oder gar kritisiert, wird oft als Spalter beschimpft. Zweifel sind nicht erwünscht. Man befürchtet, dass die Bewegung dadurch Schaden nehmen könnte, denn nur gemeinsam sei man stark. Eine solche geschlossene Gesellschaft kann sehr stark sein. Religiöse Vereinigungen basieren darauf. Sie formulieren Dogmen und vertreten sie unreflektiert, aber standhaft. Klare Regeln geben Halt, Orientierung und Sicherheit, machen vermeintlich unangreifbar. Man ist Teil von etwas Größerem, einer Bewegung. Und es gibt nur zwei Möglichkeiten: Man ist aus vollem Herzen dabei oder man ist raus. Mangelnde Reflektion des eigenen Verhaltens lässt vergessen, worum es eigentlich geht. Dabeisein ist alles. Widerstand wird zum Selbstzweck.

Parolen und Rituale festigen das Gemeinschaftsgefühl, helfen dem Individuum in der Gruppe aufzugehen. Sie vereinheitlichen und zementieren Meinung, sind derer Vielfalt Feind. Hört sich schlimm an, ist jedoch notwendig wenn es darum geht, einen sichtbaren Widerstand zu formieren. Leider. Es ist ein schmaler Grat zwischen der Stärke geschlossener Reihen und der Freiheit der Gedanken. Es ist verlockend aber gefährlich sich als Teil eines Größeren mitreißen zu lassen. Das Gefühl mit Zehntausenden durch die Straßen zu ziehen und mit der Vuvuzela dem einenden Feind entgegenzutröten ist berauschend – und macht mir Angst. Angst vor meiner eigenen Anfälligkeit in der Masse aufzugehen und mitzuschwimmen. Angst vor dem Gefühlstsunami, der über mich schwappt und mein kritisches Denken wegschwemmt. Alle Alarmglocken gehen an.

Schwindender Protest
Nicht alle haben ein solches Alarmsystem. Aus Widerstand wird Lebenssinn, Kritik ist nicht mehr erwünscht, Kommunikation mit Andersdenkenden wird zunehmend schwieriger. Es bedarf nicht vieler Fanatiker, um gemäßigtere Bahnhofsgegner zu vergrätzen. Und die bleiben dann fern, die Bewegung wird zur geschlossenen Gesellschaft. Nach außen scheint es, als ob der Widerstand verschwinden würde. Und das ist ein großer Irrtum. Nur weil viele Leute nicht mehr gegen das Großprojekt auf die Straße gehen, heißt das noch lange nicht, dass sie sich damit abgefunden haben. Und nicht alle wollen einen Bahnhof zu ihrem Lebensinhalt machen.

Ich freue mich, das Leute ihre Zeit und Energie in den Protest stecken, Gruppen bilden, Aktionen durchführen – solange diese nicht all zu tief in die Illegalität eintauchen und die Verantwortung für das Handeln getragen wird. Angst wird es mir nur, wenn es sektiererische Züge annimmt, der Protest zum Selbstzweck wird und Andersdenkende auch in den eigenen Reihen angefeindet werden. Es ist notwendig, die eigene Position aus einem anderen Blickwinkel zu hinterfragen, die eingeforderten ethischen Grundsätze auch an sich selbst anzulegen. Sonst verlieren wir das gemeinsame Ziel aus den Augen: Den Erdbahnhof zu verhindern.

Dienstag, 10. Mai 2011

Grundlos glücklich



Ich bin grad glücklich. Grundlos. Das ist auch gut so, denn wenn es einen Grund gibt, kann er meinem Glück wie ein Teppich unter den Füßen weggezogen werden.* Gründe sollte man nur für Unglück haben, denn die kann man beseitigen.

Gründe sind eh überbewertet, weil sie eine kausale Folge im Sinne von "wenn a dann b" implizieren. Das mag bei trivialen Dingen okay sein, so zum Beispiel: Wer auf den Elektrozaun pinkelt kriegt eine gewischt. Aua. Bei nichttrivialen Angelegenheiten sieht's schon anders aus. Wenn ich einen dummen Spruch klopp, dann lacht mein Gegenüber, oder ist sauer. Je nach Laune, denn: Was Launen hat, ist nichttrivial. Zum Beispiel Menschen und Tiere. Und manchmal auch Computer. Naja, eigentlich ist alles, was nicht durch die überschaubaren Naturgesetze abgebildet werden kann jenseits jener Trivialität, die Gründen ihre Daseinsberechtigung gibt. Der Versuch, mit einfacher Logik komplexe Systeme zu bändigen führt selten zu was. Wenn man also Gründe sucht, dann darf man nicht erwarten welche zu finden, die solche auch sind. Man findet höchstens Rechtfertigungen, und die sind verdammt subjektiv. Bin ich zum Beispiel glücklich, weil mir jemand ein Bier ausgegeben hat, dann darf ich nicht daraus schließen, dass ich deswegen glücklich sei. Sonst würde jedes mir ausgegebene Bier mich beglücken. Vom falschen ausgegeben geht es voll in die Hose. Erst recht weil ich eine Frau bin und somit extrem nichttrivial.

Es ist durchaus sinnvoll zu beobachten, unter welchen Umständen etwas passiert. Es ist jedoch sinnlos, daraus logische Schlüsse zu ziehen und vermeintliche Tatsachen in den Raum zu stellen. Was ich hier so schreibsel klingt trivial, ist es aber nicht. All zu oft versuchen Menschen mit vermeintlicher Logik kausale Zusammenhänge zu erfinden, die hanebüchen sind. Sie wollen einen damit unter dem Deckmantel unumwerfbarer Logik verbal in irgend jene Ecke drängen, die ihnen einen Vorteil verspricht. Man traut sich leider viel zu selten zu sagen: "Was du sagst klingt in sich schlüssig. Aber leider nur in sich, nicht für mich".

Ich bin es leid mich mit Argumentationsketten zu behängen, die jeglicher Basis entbehren. Logik ist ein ganz nettes Werkzeug, um einen gangbaren Weg zu suchen, mit dem man ein Problem lösen kann. Man sollte nur nicht der Versuchung erliegen, diesen Weg für den einzig wahren zu halten.

*Die Erkenntnis, das Gründe das Glück schmälern verdank ich Dagi.

Montag, 9. Mai 2011

ITFS Tag 3: Tote Kühe, Kinder und Hunde

Der dritte Teil des internationalen Wettbewerbs zeigt sich nicht zimperlich, der Tod scheint Leitthema zu sein.







Serge Avédikian: Chienne d’histoire (Barking Island), Frankreich 2010
Hundefreunde müssen schlucken als die Geschichte einer Hundeplage in Konstantinopel und deren „Endlösung“ gezeigt wird. Sehr schön illustriert.







Bill Plympton: The Cow who wanted to be a Hamburger, USA 2010
Als Bill Plympton über die endlosen Kuhweiden seiner Heimat fuhr, beobachtete er wie das liebe Vieh sich die Bäuche voll schlug, also wollten sie so schnell wie möglich ein ordentliches Steak abgeben. Sein Film handelt von einem Kalb, dass sich nicht sehnlicher wünscht, als ein Hamburger zu werden. So lange, bis es herausfindet, was da geschieht.

http://www.plymptoons.com/








Marc Riba, Anna Solanas: Les bessones del Carrer de Ponent, Spanien 2010
Eine Gruselgeschichte aus Barcelona für Kinder ist die Grundlage des Filmes, der von einem Zwillingspaar handelt, die Kinder entführen und essen.

[vimeo http://vimeo.com/20262614]

Mirai Mizue: Tatamp, Japan 2010
Kleine eigenartige Wesen und Formen, von Hand gezeichnet, bewegen sich über das weiße Blatt. Jedem dieser Wesen wird ein Geräusch zugeordnet, aus Einzeltönen entsteht Polyphonie, akkustisch wie visuell. Nach all dem Mord und Totschlag der letzten Filme eine willkommene Abwechslung.







http://www.youtube.com/user/mirai0714mizue

http://web.mac.com/mirai_mizue/iWeb/MIRAIwebsite/Enter.html

http://vimeo.com/user5743956







Martin Wallner, Stefan Leuchtenberg: A Lost and Found Box of Human Sensation, Deutschland 2010

Der nächste Film hat schon eine Menge Preise gewonnen. Er kann alles von 2D bis 3D, die beiden Jungs lassen es technisch richtig krachen. Extrem professionell für einen Studentenfilm. Er ist wie ein 7-Gänge-Menü, dass leider in einem Topf auf ein mal serviert wird und mit literweise Pathos übergossen ist. Schnell wird klar, dass es sich um eine autobiographische Geschichte handelt, was Martin Wallner im Anschluss auf die Vorstellung auch sofort bestätigt. Diese überzogene Zurschaustellung von Selbstmitleid und Sich-dabei-aber-ziemlich-Cool-Vorgekomme ist zu viel für mich. Selbst der Versuch am Schluss des Films, sich nicht dabei so ernst zu nehmen scheitert irgendwie kläglich. Da hilft auch kein visuelles Glutamat.

http://www.lostbox.de/







Ondrej Svadlena: Mrdrchain, Tschechische Republik/ Frankreich 2010
Wem die üblichen Splatter- und Horrorfilme zu trivial sind, dem sei dieser Film ans Herz gelegt. Wer solche Sachen träumt, sollte mal seine Psyche zum Kundendienst bringen.

http://www.ondrejsvadlena.com/



Alexandra Hetmerova: Swimming Pool, Tschechische Republik 2010
Wie der letzte Film auch tschechisch, aber genau das Gegenteil. Fröhlich, liebevoll, nett. Die Geschichte zweier ungewöhnlicher Stadtbewohner, die sich nachts beim heimlich baden treffen.

http://vimeo.com/hetmerova

[vimeo http://vimeo.com/5110874]

[vimeo http://vimeo.com/2265583]

Matray: Babioles, Frankreich 2010
Zum Schluss was lustiges: Ein kleiner Spielzeughase auf einer Mülldeponie reist in die große Stadt. Realfilm wird mit 3D-Animation vermischt. Sehr schönes Charakterdesign, komplett in Blender erstellt.

http://www.matray.org

Der dritte Tag war hartes Brot, Unmengen virtuelles Blut, Leid, Tod und dergleichen müssen verdaut werden. Ich frage mich bisweilen, was Menschen dazu treibt, Albträume zu verfilmen. Kriegt man da beim Machen nicht dauernd schlechte Laune und Depressionen? Oder hat man die schon und will ihnen damit Ausdruck verleihen? Ich mag das Düstere bisweilen auch gerne, ebenso wie eine gepflegte Melancholie. Aber irgendwann ist doch auch mal Schluss damit!

Teil 4 verspricht etwas freudiger zu sein ...

Samstag, 7. Mai 2011

Jenseits des Bosporus

Die Jungs vom Dora Asemwald Racing Team haben den Kontinent verlassen. Doch zuvor gab's großes Brimborium in Istanbul mit hohen Tieren und Les Mans-Start. Unter der Motorhaube haben sie Ravioli gekocht und das Zündschloss von Dora 3 hat gestreikt. Alte Autoknackertricks konnten das Problem umgehen. Aber lest am besten die Berichte der Abenteurer, die sie an mich geschickt haben:

Tag 5 …. Yaşa Fenerbahçe


In Summe hatten wir gestern endlich mal den ersehnten ruhigen Tag. Entsprechend haben wir es locker angegangen.

Unser Parc Ferme war tatsaechlich wie versprochen auf dem Hippodrom, einem Platz zwischen Hagia Sophia und Blauer Moschee. Fast das ganze Classement stand auf einem Platz vor beeindruckender Kulisse. Das hat wirklich Rennsportatmosphere verbreitet.

Sogar der Gouverneur von Istanbul nebst anderen offızıellen Vertretern hat sich die Ehre gegeben. Entsprechend war das Medienteresse wirklich enorm. Wir haben einige Kamerteams ausgemacht, darunter auch ein deutsches.

Besonderen Anklang beim türkischen Fernsehen hat unser Motorhauben-Sponsor Hot Mamas gefunden, oder vielmehr sein Logo. Gar keinen Anklang dagegen fand unsere Idee, einem Offiziellen von Fenerbahçe eine Hot Mamas-Sauce zum Fussballwimpel zu schenken (Teil einer Tagesaufgabe, gestern berichtet). Der Wachmann am Stadioneingang hat sie uns jedenfalls abgenommen. Entweder hat er es - korrekter Weise - als echten Knaller deklariert, oder es lag ebenfalls am Logo. Möge es zweimal brennen!

(Übrigens hab ıch gerade das Ö auf der Tastatur entdeckt. Allah sei gepriesen!)

Ausserdem haben wir ein Novum im Motorsport eingeführt. Beim Le Mans-Start an der Blauen Moschee haben wir unterwegs unseren Kaeptn verloren. Aber der ıst ja nicht auf den Kopf gefallen und ist die erste Rennetappe zur Bosporus-Faehre einfach bei einem anderem Team mitgetrampt. Peinlich nur, dass er so vor uns angekommen ist :)
Damit ıst der Europaeische Teil der Rallye offiziell beendet. Asien, wir kommen!
Naechstes Ziel war das Stadion von Fenerbahçe. Eigentlich haetten wir dort einem offiziellen Vetreter des Clubs die von uns mühsam eınstudierte Fanhymne vortragen sollen. Das ist leider ausgefallen, da ausserplanmaessig ein Spiel 'Türkische Allstars' gegen 'Formel 1' veranstaltet wurde. Gesehen haben wir dann einen lahmen Kick zwischen irgend welchen Rentnern gegen vermutlich irgend welche Mechaniker. Gekannt haben wir jedenfalls niemanden.

Nach dem Spiel haben wir uns dann auch prompt mal im asiatischen Teil Istanbuls verfahren. Darin haben wir ja Übung. Trotzdem haben wir es noch auf die letzte Faehre geschafft.

Den Abend haben wir in gemütlicher Runde in einem netten kleinen Lokal beendet. Dort durften wir unseren Fansong doch noch vorbringen, mit Inbrunst, für unseren neuen Freund Emre. Das hat uns auch wirklich grossen Beifall eingebracht, des Nachts um zwei.
Istanbul ist wirklich eine sensatıonelle Stadt. Besucht es!
Fuer heute steht Ankara auf dem Programm. Und dort muessen wir gleich am abend noch Aufgaben loesen. Also druecken wir nach dem Fruehstueck gleich wieder auf das Pedal. Vorausgesetzt wir finden unsere Autos, die stehen naemlich irgendwo in Asien.

Tag 6 … eine kurze Geschichte von fast allem


Eigentlich hatten wir uns alle vorgestellt, daß das Abenteuer ab Asien beginnt; andere Kultur, anderer Verkehr, andere Strassen.
Tatsächlich hat der Tag unspektakulär begonnen. Wir haben per Fähre erneut auf die
asiatische Seite Instanbuls übergesetzt, unsere Autos sofort gefunden und uns - unglaublich aber wahr - ohne größere Verfahrer direkt auf die - im übrigen sehr gute - Strasse nach Ankara begeben.
Bis dahin völlig unspektakulär, doch dann haben unsere Doras gekocht. Nicht die Kühler, sondern die Krümmer. Und zwar eine Dose Ravioli pro Fahrzeug. Der Funkverkehr hat sich dann auch dramatisch verändert. Statt Tankstopps und Wegbesprechungen gab's Mitteilungen wie "im Auto riecht's nach Tomate" und "ich hatte vorher so ein komisches Geräusch, die sind fertig". Insgesamt hat's gut geklappt, die Kochzeit kann man optimieren. Aber wir haben ja noch drei Dosen Linsen zum üben....
Wenn unsere Süssen jetzt noch Kaffee kochen könnten ...

In Ankara sind wir gesättigt angekommen. Aufgabe: auf die Burg, Teetrinken, Foto und Stempel mit der Chefin der Burggastronomie und gut. Dachten wir. Unterwegs hat uns Team 19 gebeten, den Autodoktoren (der Sender VOX begleitet für seine Sendung die Rallye) Bescheid zu geben, dass ihre Wasserpumpe nicht mehr geht. Wir haben die Nachricht brav überbracht. Anstatt zu helfen haben sie dann gefühlt einen Monumentalfilm über die Überbringung der Botschaft
gedreht. Wir haben folgendes gelernt: a) drehe nie den Rücken in die Kamera und b) die Autodoktoren sind Panne! Dafür ist Team 55 vielleicht bald im Fernsehen :)

[caption id="attachment_714" align="alignleft" width="300" caption="Hippodrom in Ankara"][/caption]

Danach war das gesamte Classement zu Gast auf dem Hippodrom in Ankara. Alle Teams waren da, wir haben gegrillt, Freunde getroffen und viel Spass gehabt. Beinahe .....
Direkt nach dem Einparken in Schlafposition hat das Zündschloss von Dora 3 seinen Geist aufgegeben. Mit eingerastetem Lenkradschloss. Endgültig. Was mit einem Anruf "Bringt noch ein Paar Sixpacks mit für die Typen, die beim Reparieren von Dora 3 helfen, hat sich als Operation am offenen Herzen herausgestellt. Falls man mit einer Wasserpumpenzange und roher Gewalt operiert. Nach drei Stunden harter und unglaublicher Arbeit beim Schein einer Taschenlampe hatten wir zwar kein Armaturenbrett und keine Mittelkonsolenverkleidung mehr, dafür war Dora neu verkabelt. Gestartet wird Dora jetzt mit zwei Bananensteckern ... wie im Film.
Team 17, Ihr seid unsere Helden, ganz im Ernst, wir hatten die Karre abgeschrieben. Wir lieben euch. Danke!!!!!

[caption id="attachment_713" align="alignright" width="300" caption="Grillabend im Fahrerlager"][/caption]

Danach konnten wir doch noch feiern, mit unseren Schweizer Freunden von Team 3, den Sandblechsurfern, und all den anderen durstigen Menschen.
Erwähnenswert auch noch die nächtliche Begrüßung "Hallo, wie geht's, wir haben einen Achsbruch. Habt ihr ne 10er Gewindestange?". Kurz vorher dachten wir es wäre ein Problem, keinen Grillanzünder zu haben ;)


Tag 7 … cruisen in Kappadokien


[caption id="attachment_709" align="alignright" width="300" caption="Vorgeschmack auf die Siegprämie ... meilenweit für ein Kamel"][/caption]

Nach einer kalten, aber Gott sei Dank trockenen Nacht (dass erste mal seit Novi Sad hat es nicht geregnet, Tagestemperaturen selbst mitten in der Türkei um die 10 Grad), gab es endlich die ersehnten Neuigkeiten über den weiteren weiteren Verlauf der Rallye. Kurzum, wir werden mit der Fähre nach Zypern und anschliessend über Israel nach Jordanien weiter reisen.
Wir finden das super, auch wenn unser Team dafür fast 2000.-€ zusätzlich hinblättern musste (wir sparen dafür ja Sprit und Übernachtungen, aber insgesamt tat's echt nochmal weh).
Grossartig ist, dass mit Ausnahme von zwei Teams alle mitgezogen haben. Nur so war die Fähre überhaupt zu bezahlen. Unschön, dass bei einigen wohl die Nerven blank liegen. Was kann die Rallye für die beknackte syrische Regierung? An dieser Stelle ein ganz ernst gemeintes Lob für das OK der Rallye. Was ihr für uns macht ist super! Lasst euch nicht ärgern!

Danach hat an Ort und Stelle das versprochene Treffen mit einem türkischen Minister stattgefunden. Als Aufgabe pro Team war ein Grußschreiben unserer Heimatstadt nebst stadttypischen Geschenk zu übergeben (danke Sindelfingen, Stuttgart hat nicht mal reagiert).

Wir durften ein Mercedes-Modell als Geschenk der Stadt Sindelfingen. Kurz vor der Übergabe hat der Minister sein Bad in der Menge abgebrochen; 111 Teams sind vielleicht doch zuviel.

Der liebe Herr Minister - zuständig für Europafragen - hat eine wirklich nette Rede gehalten. Er hat sehr viel Werbung für das Ansinnen seines Heimatlands gemacht, Mitglied der EU zu werden. Dafür hat er uns gebeten, Botschafter zu sein vor allem gegen Misverständnisse und Vorurteile. Wir wollen keine Politik machen, aber was wir als Gast der Türkei bisher erleben durften, ist aussergewöhnlich. Nebst Fahrerlager in Sultan Ahmet in Istanbul, kostenloser Benutzung der Fähre, Fahrerlagern, Polizeiabsperrungen, und und und hat die Türkei sich mit 200.000.- an den Fährkosten beteiligt. Ganz zu schweigen davon, dass uns die Polizei Räuberleiter machen wollte beim illegalen überqueren eines Zauns zum Fahrerlager :)
Türkei, ihr seid klasse!

[Schlussendlich haben wir uns nach der Rede dann trotzdem noch an der Security vorbeigekämpft. Aufgabe ist Aufgabe.

[caption id="attachment_710" align="alignleft" width="300" caption="Aufstellung zum Le Mans Start"][/caption]

Dann hat das gesamte Starterfeld einen Le Mans Start hingelegt. Beeindruckend. Unnötig zu erwähnen, dass Dora 3 beim Start ausgesetzt hat - genau wir unsere Herzen. Am ende war's ein Bedienfehler, die neue Verkabelung ist nicht so ohne.
Nach eignisarmer Fahrt - auf der wir das erste Mal seit Rallyebeginn wirklich vielen Teams begegnet sind - sind wir in Kappadokien angekommen. Weltnatur- und Weltkulturerbe. Unglaublich, wenn man es nicht mit eigenen Augen sehen kann. Wir sind schwer beeindruckt. In Göreme (googelt mal die Bilder) haben wir unser - für ein Sechsbettzimmer wirklich tolles - Nachtlager aufgechlagen. Wie viele andere Teams auch. Jetzt gehen wir noch auf ein Bier. Mal sehen wen wir treffen. Von Kappadokien berichten wir morgen.

Zu guter letzt: Die Statistik haben wir inzwischen aufgegeben, trotzdem ein kurzes Fazit: die Länder, die wir besuchen durften sind wunderschön, die Menschen toll; wir haben fürstlich gespeist und königlich gefeiert.

Wir hoffen ehrlich, es kann so weiter gehen.

Freitag, 6. Mai 2011

ITFS Tag 2: Monster, Trophäen und der Osterhase

Ich bin die letzten beiden Abende wieder beim Internationalen Wettbewerb des Internationalen Trickfilm Festivals gewesen hab mir so angeschaut, mit welchen Tricks die Zuschauerin beeindruckt werden soll. Hier der zweite Teil:


Quay Borthers: Maska, Polen 2010
Gestern ging's gleich düster los, die amerikanischen Zwillingsbrüder Stephen und Timothy Quay haben sich über Stanislaw Lems Buch „Maska“. So heißt auch ihr aufwendig animierter Puppenfilm über den freien Willen, Moral, die Liebe und den Tod. Wenn ich die Geschichte vorher gekannt hätte, dann wäre der Film für mich wahrscheinlich zugänglicher gewesen. Hat aber auch so gewirkt.
Hier gibt's den Trailer:
http://www.se-ma-for.com/en/filmy/krotki-metraz/13-maska







Wendy Chandler, Susan Danta:  Heirlooms, Australien 2009
In dieser animierten Dokumentation erzählen 10 Menschen die Geschichte eines Erbstückes, welches in ihrer Familie weitergegeben wurde. Liebevoll animiert und was fürs Herz.

http://www.susandanta.com/

[vimeo http://vimeo.com/13811995]

Alan Dickson: Preferably Blue, Neuseeland 2010
Tränen gelacht hab ich beim nächsten Film. Der Osterhase ist deprimiert, weil der Weihnachtsmann ihm die Show stiehlt. Er beschließt, ihn ums Eck zu bringen. Der Humor ist auf angenehme Weise schwarz, die Klischees sind passend gesetzt, der Film schön digital animiert. Sehr sehenswert.

http://preferablyblue.blogspot.com/
http://preferably-blue.com/
https://www.facebook.com/PreferablyBlueMovie
http://www.yukfoo.net/


Jochen Kuhn: Sonntag 2, Deutschland 2010
Schön gemalter, aber mal wieder düsterer Film mit abstruser Handlung, wie man sie aus Träumen kennt, jedoch beim Aufwachen meistens wieder vergisst. Ging mir da auch so. Künstlerisch bestimmt wertvoll, ansonsten hartes Brot.

http://de.wikipedia.org/wiki/Jochen_Kuhn







Maria Steinmetz:  Der Wechselbalg, Deutschland 2011
Die Verfilmung des gleichnamigen Märchens erzählt von einem Ehepaar, denen ein Trollkind untergeschoben wurde. Das Kind macht 'ne Menge Rabatz, keiner mag es außer der Adoptivmutter. Wenn ich morgens in's Café gehe, sehe ich auch immer einige von denen.


Jean-Claude Rozec: Monstre Sacré, Frankreich 2009
Das hässliche Entlein ist in diesem Film ein gozilliges Monster. Es wächst, wird aber nicht hübsch, sondern ein Monster eben und tut, was Monster so tun: Städte verwüsten. In seinem Fall etwas unfreiwillig, aber das ist ja das lustige an diesem Film. Mir hat er sehr gut gefallen, anderen war er zu klischeehaft und irgendwie abgedroschen. Ich mag Monster, vielleicht hatte er deswegen meine volle Sympathie.
Trailer: http://www.jplfilms.com/films/p119-monstre-sacre.html  







Atsushi Wada: Haru no shikumi (The Mechanism of Spring), Japan 2010
Ein paar Jungen und ein Haufen lustige Tiere erleben wie der Frühling kommt. Frösche und Schildkröten hüpfen durch die Gegend, Hirsche führen sich eigenartig auf. Sehr eigenwillige Bildsprache, schön anzusehen.
http://calf.jp/en/jia/wada.html 

Michael Ekblad: The Mighty Hunter, Schweden 2010
Zum Abschluss noch mal lustig: Trophäen wollen sich an Jäger rächen. Extrem überzeichnet, aber das mögen Kinder ja.


Das wer der erste Tag. Ich komm immer wieder zum Schluss, dass ich 2D-Animationen viel schöner find. Sie lassen mehr Raum für die eigene Fantasy und versuchen nicht realistisch auszusehen. Ich muss auch feststellen, dass meine Kapazität für düstere, schwer verständliche Filme begrenzt ist, aber da kommen morgen noch ein paar Klopper auf mich zu.


Mittwoch, 4. Mai 2011

Dora 1-3 im Balkan

Das Rallyeteam Dora Asemwald Racing ist unterwegs nach Jordanien!

Hier sind die Geschichten der ersten fünf Tage, wie sie die Jungs hier her geschickt haben. Leider gibt's noch keine Bilder.

Kurz gefasst: Am ersten Tag ging's los in Oberstaufen, Serpentinen über die Dolomiten bis vor die Slowenischen Grenze. Dora 1 unter Taubenreichen Baum geparkt und am nächsten Tag die Kacke wieder abgekratzt. Am zweiten Tag die Grenze nicht gefunden, durch den Balkan gedonnert und in Serbien mit zwei bosnischen Mädels in ein Hostelzimmer quartiert worden. Am dritten Tag mussten die Jungs den landessprachlichen Ausdruck für Drosselklappe rausfinden. Ohne Google. Also mit Fragen. Klapski Drosselvic, oder so ähnlich. Das Soundsystem von Dora 3 konnte mir einer leeren Keksverpackung repariert werden. Am vierten Tag in Bulgarien Strafzettel bekommen, andere Teams getroffen und über Griechenland in die Türkei gefahren. Heute haben die Jungs eine Menge Aufgaben in Istanbul vor sich ...

Und hier die ausführlichen Berichte. Entschuldigt den Umlautmangel der balkanischen Tastaturen. Hoffentlich gibt's bald mal Bilder.

Tag Eins … oder beinahe Rijeka


So, die erste Etappe liegt hinter uns. Aufwachen wollten wir in Betten in Rijeka, geworden sind es Feldbetten und Autositze an der Strandpromenade von Trieste. Dafür mit Meerblick.

Im Moment warten wir darauf, dass der Wasserkocher für den Zigarettenanzünder doch noch Leistung zeigt. Unser Equipment muss sowieso noch seine Rallyetauglichkeit zeigen. So haben wir gestern noch über den Eiskratzer aus Dora 1 gelacht, um ihn heute morgen gleich für die Entfernung von gefühlten Kilos Taubensch… auf Dora 1 zu verwenden.

Gefahren sind wir eine wirklich traumhafte Strecke. Nach Erledigung der Startprüfungen in Oberstaufen haben wir die Alpen und die Dolomiten überquert; zehn Stunden Serpentinen, ein Traum. Damit liegen Deutschland, Österreich und Italien hinter uns, Slowenien direkt vor uns. Unsere Doras spielen fantastisch mit – sie werden mit jedem Kilometer besser. Dafür füttern wir sie auch mit ausgewählten Betriebsstoffen.

Tag 1 in Zahlen:

Start 10:04, Erhalt Roadbook 10:45, Steine 11:10, letzte Mahlzeit in Deutschland 12:00 Schnitzelalm Ankunft 1:15

3 Länder, 583km

Tag Zwei … die Irrfahrt


Nachdem der Tag mit grossflaechigem Abbau von Taubenguano besch … begonnen hat (schlafe nie unter einem gurrenden Baum), hat sich unsere Gluecksstraehne nahtlos fortgesetzt (an dieser Stelle entschuldigt die fehlenden Umlaute; serbische Tastatur…).

Fuer den Grenzuebertritt haben wir satte zwei Stunden gebraucht. Nicht dass es uebermaessig kompliziert waere – man faehrt einfach drueber – aber finden muss man ihn halt. Damit hat der Tag mit ca. 100km und zwei Stunden Rueckstand begonnen.

Um es kurz zu machen, wir haben aufgeholt. Nach 16 Stunden fahrt ohne nennenswerte Pausen und ungefaehr 700km sind wir wieder im Plan. Dabei sind wir von Italien ueber Slowenien, Kroatien, vorbei an der Bosnischen Grenze nach Serbien gefahren.

Auf der letzten Rille sind wir in unsere Hostel angekommen. Unser Gastgeber – raketenvoll – hat uns fuer stolze neun Euro mit zwei bosnischen Maedels in einem Zimmer einquartiert. Die sind noch feiern. Schade, dass wir ihr Gesicht nicht sehen koennen Er hat uns auch super in den Parkplatz eingewiesen; quer ueber den Bordstein. Ok, es ist eine Rallye.

Und sonst?

Die Autos? Bei Dora 3 klemmt das Zuendschloss – jeder Start ist ein Erfolg, bei Dora eins werden wir den Auspuff morgen mal unter die Lupe nehmem. Der Oelverbrauch ist in der Toleranz. Bisher sind es wahre Schaetzchen.

Die Fahrer? Hungrig, durstig, aber kein bisschen muede. Wir feiern noch ein bisschen in Novi Sad. Grund genug haben wir!

Zwei Tage bisher, ein riesen Spass, ein grosses Abenteuer – jetzt schon!

Tag 2 …. Nachtrag


Sodele, wir waren lange genug wach um unsere bosnischen Mitbewohnerinnen noch kennenlernen zu duerfen – so sieht also Begeisterung aus? Wir muessen dringend unser Wertesystem ueberdenken.

Vergessen haben wir auch, ein bisschen was ueber die Strecke zu erzaehlen. In Kuerze: traumhaft. Nicht ganz so wie die Alpen, aber auf jeden Fall anspruchsvoll. Wir hatten enorm Spass.

Und noch eine Kurze Korrektur der Zahlen: 770 km in 16 Stunden …. und immer noch kein bisschen muede …. noch

Tag 3 … klapski drosselvic oder so aehnlich


Fuer heute hatten wir uns eher einen lockeren Tag ausgemalt, mit der bisher kuerzesten Strecke. Dabei haben wir folgendes festgestellt: Entfernungskilometer sind ungleich Streckenkilometer. Oder konkret: 470 geplante Kilometer entsprechen mehr als 600 echten….

Entsprechend erwarten wir den Gewinn der Sonderwertung „laengste Abkuerzungen“

Zweiter Erkenntnisgewinn: gelegentliches Duschen foerdert das Raumklima, speziell in den Fahrzeugen. Aber mit den bisher ersparten Uebernachtungskosten koennen wir bald mal echte Zimmer mieten

Als Tagesaufgabe mussten wir heute in der Werkstatt unseres Vertrauens die Uebersetzung fuer Drosselklappe in der Landessprache herausfinden (in unserem Fall:serbisch) Unser spontaner Tipp – klapski drosselvic – hat sich am Ende als gar nicht so falsch herausgestellt. Check

Heute morgen haben wir auch das erste mal wieder Teams der Rallye gesehen und getroffen. Insgesamt scheinen wir gar nicht schlecht zu liegen, wenigstens morgens

Tatsaechlich hatten wir heute auch unsere erste Polizeikontrolle. Aber wir haben uns fleissig an den Ehrenkodex der Rallye gehalten – nicht erwischen lassen. Insgesamt sind wir sehr brav.

Autos und Team sind weiter wohlauf, Ausser einer leeren Keksverpackung zur Reparatur des Soundsystems von Dora 3 (erfolgreich) haben wir noch keine Ersatzteile gebraucht.

Und wie geht’s weiter?Aufgrund unsere bisherigen Erfahrungen haben wir uns fuer morgen erst einmal vorgenommen, uns fuer drei Stunden zu verfahren. Ist nicht unbedingt zielfuehrend, hat sich aber unbedingt bewaehrt.

Naehster Halt: Istanbul! Wir berichten.

Und, ach ja: vielen Dank fuer eure netten Kommentare und Nachrichten. Wir lesen das. Leider ist unsere online-Praesenz rar, deshalb sorry, wir antworten selten

Tag 4 … die Irrfahrt geht weiter


Veröffentlicht am Mai 4, 2011 von feppinger| Hinterlasse einen Kommentar

Der Tag hat wunderbar begonnen. Mit bulgarischen Strafzetteln. Fuer abgelaufene Parkuhren. Dafuer haben wir endlich unsere Postkarte abgesetzt, auf der wir eine vorgegebene arabische Adresse draufmalen muessen … mal sehen, wo die ankommt und wen wir da – selbstredend ungewollt – beleidigt haben.

Die Fahrt war wieder lang, aber traumhaft, und hat uns durch einen bulgarischen Nationalpark und ueber viele Landstrassenkilometer nach Griechenland gefuehrt (die bulgarisch-tuerkische Grenze haben wir nicht gefunden). Dort haben wir zuerst unsere Freunde vom schweizer Team getroffen (die sich vor lauter Wiedersehensfreude gleich am Bordstein einen Platten gefahren haben), dann noch ein weiteres Team. So langsam kommt das Feld wieder zusammen.

Im uebrigen kriege ich dank der tuerkischen Tastatur ein Gefuehl dafuer, wie viele i in der deutschen Sprache stecken – die Taste ist anders belegt – und demnaechst einen Nervenzusammenbruch deswegen.

Von Umlauten habe ich mich gedanklich sowieso schon verabschiedet.

Das wichtigste am Schluss: Autos und Fahrer sind wohlauf.

Tag 5 … İstanbul, Regen, die Frisur sitzt


Heute gab es Gelegenheit, mal wieder richtig auszuschlafen. Das haben wir auch genutzt. Na ja, die meisten. Oder wenigstens ein paar Heute waere sowieso ein Tag fuer das Bett: stroemender Regen. Aber trotz des schlechten Wetters werden wir uns heldenhaft unseren Aufgaben stellen, die da waeren:

  • ueberredet einen gebuertigen und in der Tuerkei wohnhaften Tuerken zum trinken einer aus dem Allgaeu mitgebrachten Flasche Bier und schreibt eine Postkarte an die Brauerei

  • Ueberlebt den heutigen Le Mans Start auf dem Hippodrom und setzt im Berufsverkehr mit der Faehre ueber den Bosporus

  • lasst euch von einem freundlichen Fan das Fehnerbaçe Lied beibringen. Fahrt ins Stadion, ueberreicht einem Offiziellen des Clubs einen mitgebrachten Wimpel (Stuttgarter Kickers ) und singt vor laufender Fersehkamera das Lied. Danke liebes OK!


Leider bleibt uns wenig bis gar keine Zeit, uns die Stadt anzuschauen, den morgen frueh geht es nach Ankara …. wir berichten.

ITFS: Der erste Tag

So, jetzt bin ich wieder zu Hause und hab den ersten Abend des 18. Internationalen Trickfilm Festivals Stuttgart (kurz ITFS) hinter mir. Nach den üblichen Eröffnungsreden mit Bürgermeistern und anderen Pflichtprogrammslaberern ging's los mit den ersten neun Filmen des internationalen Wettbewerbs:

[vimeo http://vimeo.com/17645522]
The external world

"The external world" von David o'Reilly hat nicht nur einen Sack voll Preise eingeheimst, sondern auch ne Menge digitale Gewalt, Pixelblut, Zitate an Videospiele und andere virtuelle Welten, und das alles ziemlich old-school animiert. So mit groben Pixeln, kantigen Polygonen und dergleichen. Die Preise sind zu Recht verdient. Den ganzen Film gibt's hier zu sehen: http://www.theexternalworld.com/.

[vimeo http://vimeo.com/13362364]
Pixel

"Pixels" von Patrick Jean lässt alte 8-Bit Wesen erst New York und dann die Welt in Pixel auflösen. Wer in den 80ern Telespiele liebte, erkennt sie alle wieder. Virtuell und materiell vermischen sich auf wunderbare Weise, und wer gewinnt sollte hoffentlich klar sein.


"Nullarbor" von Alister Lockhart und Patrick Sarell aus Australien spielt auch dort. Ein Roadmovie, die Geschichte zweier Männerklischees, die wortlos das tun, was Männer gerne tun: sinnlos provozieren, wortlos reden, Kräftemessen, Sachen kaputtmachen und dabei immer cool bleiben.






Black Swan

"Black Swan" von Illustrator Guy Harlap besteht aus einem Batzen Farben, Flächen und Formen, die sich zu Radiokopf Thom Yorks Song "Black Swan" bewegen. Nettes inoffizielles Video. Schön anzuschauen und erholsam inmitten all der Schwere.






Trailer von Birdboy

"Birdboy" von Pedro Rivero und Alberto Vasquez handelt von Birdboy und Little Dinki, einer unkonventionellen Liebe in einer zerstörten Welt.






Hand of God

"Hand of God" von Rune Eriksson zeigt die wahre Begebenheit hinter dem Vorfall mit der Hand Gottes.

http://www.myspace.com/tanjetsfilms
http://tanjetsfilms.blogspot.com/
http://www.youtube.com/user/Tanjetsfilms 




"The Origin of Creatures" von Floris Kaayk (Niederlande): In einer postapokalyptischen Welt bauen Kreaturen die aus menschlichen Körperteilen bestehen einen babelschen Turm.






Overnight Stay bei Youtube

„Overnight Stay“ von Daniela Sherer (Israel): Eine alte Frau erzählt, was sie in 1941 als 17-jährige in Krakau erlebt hat. Nach all den eher düsteren Filmen etwas zum Herzwärmen.


Die Kiste“ von Kyra Buschor (Deutschland): Drei mächtige Frösche, eine Kiste, deren Inhalt vielversprechend aber unbekannt ist. Leider hab ich keinen Trailer zum Film gefunden.

Dienstag, 3. Mai 2011

Trickreiche Woche.



20110503-082916.jpg

Heute geht's los: Das 18. Internationale Trickfilm Festival Stuttgart. Tricks mag ich, bin ja auch ne trickreiche Figur. Ich bin grad vor Ort bei der Eröffnung und werde in den nächsten Tagen euch davon berichten.

Das Weltböse ans Bein binden

Ein Nachteil des Medienrummels um königliche Hochzeiten: Die Kommentare all jener, die die Welt als Spielplatz der großen, bösen Ausbeuter sehen und sich zum Anwalt aller unterdrückten Völker berufen fühlen. Für sie ist Monarchie ein Teufel, der Jahrhunderte seine Untertanen ausblutete und deren öffentliche Inszenierung ein Affront für jeden guten Demokraten und Menschenrechtler sei. Dass mehr als eine Milliarden Menschen dieser Hochzeit medial beiwohnten zeigt, dass die große Show Royal  dem "Volk" gefällt. So viel zur Demokratie.

Wenn man nur will, findet man in allem das Böse - insbesondere da, wo Geld oder Macht sich anhäuft. Welche Völker unterjocht William? Über welche Leichen geht Kate? Sicherlich gibt's da welche, bedenkt man das unser Wohlstand auf der Ausbeutung der dritten Welt fußt. Ich finde eine kritische Haltung gegenüber der Welt durchaus angebracht, aber hinter allem immer gleich das Böse sehen? Findet man ein Hochzeitsfoto auf der Titelseite seiner Zeitung, schwillt die Empörung auf ein bedrohliches Maß an. Solange Menschen in Libyen oder sonst wo sterben sei es verwerflich, etwas so profanes wie eine Hochzeit hervorzuheben.

Muss man sich eigentlich fortwährend in der Schlechtheit der Welt wälzen? Ist jede andere Sichtweise gleich oberflächlich? Apropos Oberfläche: Ich komm da bisweilen gerne mal hin beim Schwimmen, denn da ist die Luft. Die Zwangsmissepeter binden sich das Weltböse wie ein Stein ans Bein und beweisen Tiefgang. Ohne mich. Dadurch, dass sie ihre Mitmenschen zur Betroffenheit mahnen, wird die Welt nicht besser. Eher noch schlimmer, weil Verbitterung und Misanthropie das Umfeld dieser Menschen verfinstert. Es hat nichts mit Ignoranz zu tun, wenn man sich ab und zu mal profaneren Themen hingibt. Nur Masochisten beschäftigen sich stets mit dem Übel ihrer Welt. Wenn sie so glücklich werden, dann sollen sie das tun. Aber bitte mir nicht mit dem erhobenen Zeigefinger im Gesicht rumfuchteln.

Freitag, 29. April 2011

Brimborium royal

Wenn Adel – wie heute – heiratet, dann bewegt das die Gemüter. Es wird rumdiskutiert, ob man das jetzt gut oder Kacke finden soll. Die einen finden Monarchie scheiße, die anderen das Brautkleid. Manche grenzen sich vom vermeintlich simpel gestrickten Pöbel ab und wähnen sich über der Sache stehend und andere finden Überheblichkeit noch viel doofer. Ich zum Beispiel. Adelsgroßhochzeit ist skurril und somit gerne bei mir gesehen. Alles was die Welt bunter und eigenwilliger macht, dient ihr.

Am meisten plagt mich: Wie wäre es, wenn ich Prinzessin wäre? Ich hätte haufenweiße Schmuck und Geschmeide, eitel Tand und schnöden Mammon. Ich könnte Schuhschränke imeldischen Ausmaßes füllen und würde stets fürstlich speisen. Ich müsste aber auch höfisches Gehabe an den Tag legen, mit allem Brimborium welches das Protokoll erfordert. Ich könnte nicht mehr auf Tischen tanzen! Nicht dass ich das regelmäßig tun würde, aber der Verlust der Option ist schon ein harter Schlag. Und wenn doch, dann würden echte Paparazzis Fotos machen, und nicht nur die Kumpels mit der Telefonkamera. Es gäb Skandale, ich könnte nicht mehr so einfach ins Libero auf ne Halbe gehen, müsste im Auto immer hinten sitzen. Zeitschriften würden jede Änderung meines Hüftumfanges hämisch kommentieren, es sei denn ich würde heiß erwartete Prinzen werfen.

Ne, du, lass mal. Ich mach da nicht mit. Kate wird das Lachen noch vergehen. Genauer betrachtet opfert sie ihr Privatleben um skurrile Unterhaltung für das Volk und mich zu sein. Das ist mehr als Liebe, dass ist Aufopferung. Ich ziehe meinen virtuellen Hut vor so viel Edelmut und wünsche den beiden trotzdem viel Spaß. Aber so ein Hochzeitskleid wäre schon was Feines ...

Donnerstag, 28. April 2011

Bekannt aus dem Fernseher

Heute im Angebot: 28.4. ist Welttag für Sicherheit und Gesundheit am Arbeitsplatz. Sicher ist, wer sich schöne Sachen anschaut ist glücklich, und wer glücklich ist bleibt länger gesund. Auch bei der Arbeit. Schöne Sachen: Morgen bei Marko Schacher in der Galerie stellt Udo Schöbel aus. Udo, den ich von der Galerieeröffnung als Musiker schon kenne, hat mir heute morgen im Café ein Kärtchen in die Hand gesteckt. Die Zeichnung drauf gefällt mir gut, es ist ein Bild aus einer Serie mit Porträts von Menschen, die man vom Fernsehen kennt. Ich hätte auch gerne ein Porträt von Udo, aber da muss ich wohl noch mein Promistatus von virtuellem Stuttgarter C-Promitum auf was Höheres aufboren, sonst wird das nichts.

Auch zu sehen: François Chalet. Hingehen!

Die Ausstellung findet ist übrigens eine Kooperation mit dem 18. Internationalen Trickfilm-Festival Stuttgart 2011, über welches ich hier nächste Woche umfassend Bericht erstatten werde.

Hier noch Informationsgedöns zur Galerie: 

Schacher – Raum für Kunst

Inhaber: Marko Schacher 
Galerienhaus Stuttgart
Breitscheidstr. 48
70176 Stuttgart

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Fax: +49 (0)  711 656 77 059
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Geöffnet: Di-Fr 14-19 Uhr, Sa 11-16 Uhr

Mittwoch, 27. April 2011

Tag des lautlosen Grafikers

Jetzt hab ich mich schon wieder von Arbeit vom Bloggieren abhalten lassen. Unmöglich! Dabei geschehen so umwerfende Dinge in der Welt, die nach meinen Kommentaren schreien! Hoffentlich schreien sie nicht zu laut, denn heute ist der Internationale Tag gegen Lärm. Das Motto dieses Jahr: „Lärm trennt“. Und zwar Verursacher und Empfänger, so die Webseite zum Thema.  Rockbands und Publikum? Wohl kaum. Gemeint ist hauptsächlich Verkehrslärm. Wenn eines Tages nur noch Elektromobile durch die Straßen surren, trennt kein Mückschen Passant vom herangleitenden Fahrzeug. Der Tag des Lärmes wird dann durch den Tag des offenen Auges ersetzt. Es passt dazu, dass der 27. April auch Welt-Grafiker-Tag ist. Grafiker gibt es in meiner Straße zuhauf, sie sitzen (so wie ich) in ihren Schaufenstern hinter großen Bildschirmen und nehmen den Tag gegen den Lärm ernst. Alles was der silbrig-weißen Welt ihrer Werk- und Spielzeuge entrinnt ist bisweilen leises Klicken und ein paar verlorene Obertöne, die ihren Kopfhörern entweichen.

Togo, das Land des Pappbecherkaffees, feiert heute Unabhängigskeitstag, die Südafrikaner ihre Verfassung und die Slowenen den „Dan upora proti okupatorju“, den Widerstand im Zweiten Weltkrieg. Irgendwo wird immer was gefeiert, Anlässe gibt es genug. Was feiert ihr heute? Welchen Welttag wollt ihr ausrufen?

Noch ein Link für Klugscheißer: Lärmkarten für Stuttgart

Donnerstag, 21. April 2011

Rendevouz mit dem Wasserwerfer

Nach einer kleinen Pause will ich mal wieder ein paar Bilder vorstellen, die sich meine Freunde von mir machen – gezeichnete und geschriebene Bilder. Oder beides, wie Marianne hier wunderbar zeigt. Sie wohnt über meinem Büro, wir haben uns jedoch über Facebook kennen gelernt. Eines Tages kam Marianne nass bis auf die Unterhose und total aufgelöst zu mir ins Büro gestürmt. Sie hatte gerade ein Rendevouz mit dem Wasserwerfer, dem ich kurz zuvor entkommen bin. Wir empörten und beruhigten uns gegenseitig. Von da an einte uns der Missmut gegenüber dem rüpelhaften Landesvater und dem Rest der damaligen Regierung, die wir zum Glück ja losgeworden sind.

Seit dem besucht sie mich öfters mal, wenn sie von der Arbeit heimkommt. Sie hat eine Vorliebe für asymmetrische Frisuren, wie ich sie in meiner Jungend selbst gerne hatte, und trägt sie auch noch. Ich bin froh, so eine herzliche Nachbarin zu haben und freue mich auf das nächste Treffen im Treppenhaus.

Mittwoch, 20. April 2011

Lügenaustausch







Meine erste Ausstellung ist überstanden! Ich habe sie gefilmt, aber dann doch etwas zusammengerafft, weil's sonst etwas mühselig wär 8 Stunden einfach so anzuschauen.

Für alle die nicht da waren: Der Raum war mit über 500 gelben Post-Its vollgeklebt, auf die ich Gedanken und andere Lebenslügen notiert hab. Wenn jemand einen Gedanken haben wollte, um ihn zum Beispiel in die eigene Lebenslüge zu integrieren, konnte er oder sie ihn mitnehmen. Aber nur, wenn ein eigener Gedanke dafür auf einem blauen oder grünen Zettel hinterlassen wurde. So hat sich der Raum im Laufe des Abends verändert, die Gedanken wurden ausgetauscht.

Den Film kann man auch in HD anschauen, dann ist er am schönsten.

Freitag, 15. April 2011

Wiedervereint

Am Straßenrand findet man ja so einige herren- oder damenlose Gegenstände. Vor ein paar Tagen ist mir dieses schöne Paar, welches sich in einer Nische eines Altbaus in der Mozartstraße versteckte, aufgefallen. Wurden sie gemeinsam verloren, oder sind sie entlaufen? Sind sie Geschwister? Sie sehen sich ja ähnlich, sind aber ganz unterschiedliche Wege gegangen. Das eine Leben auf der Straße, das andere in der Küche. Hier haben sie wieder zusammen gefunden und schwelgen in den guten, alten Zeiten.

Die Geschichte gab's auch schon auf der Brezel

Tod und Teufel



Vier Männer stehen im Nebel. Lichtblitze durchzucken die milchige Luft. Infernaler Lärm füllt den Raum. Ein Schlagzeug wie eine amoklaufende Waschmaschine gefüllt mit Metallschrott lässt die Leiber der Verdammten zucken. Katzen schreien während sie bei lebendig gehäutet werden. So jedenfalls klingen die Gitarrensoli. Mit düsterer Stimme brüllt ein nicht minder düster dreinblickender Typ Geschichten von Tod und Teufel. Das Publikum brüllt mit, hüpft durch die Gegend und freut sich. Das ist Heavy Metal. Genauer gesagt: Slayer.



In meiner Jugend waren mir die langhaarigen Metalkröten suspekt. Deren bierseeliges, aggressives Gehabe passte nicht so einfach in mein vom gepflegten Weltschmerz geprägtes Wavertum. Immerhin waren sie keine Popper, und das zählte in jenen Tagen viel. Die Unsicherheit der Jugend erlaubte mir noch keine so großen Ausflüge in fremde Gefilde, die heute mein Heim sind. Den Heavy Metal hab ich erst kennen und lieben gelernt, als er dem Untergrund entstiegen war und sich in unzählige Crossover-Varianten verloren hatte. Zum Glück gibt es aber noch ein paar der Pioniere, die vor 30 Jahren dem Rock einen ordentlichen Arschtritt verpassten. Die größte Legende der Wenn-schon-denn-schon-Fraktion sind zweifelsohne Slayer, die sich im Gegensatz zu Kollegen wie Metallica nie haben zähmen lassen. Darum muss man heute auch kein Stadion besuchen, sondern kann sie an überschaubareren Orten erleben, wie dem Volkshaus in Zürich.

Vor dem alten Haus mitten in der Stadt sammelt sich das Publikum. Schwarz gekleidete oft langhaarige Burschen – ich bin als Mädel in der Mindheit – bei denen ich mich frage wie viele von ihnen sich für das Konzert noch in die alte Kutte von früher geworfen haben und wer von denen das mit dem Todespriesterlook ernst nimmt. Ein paar Banker hat's wohl nicht mehr zum Umziehen nach der Arbeit gereicht. Heavy Metal ist hoffähig geworden, die Headbanger von einst haben sich etabliert, haben Kutte gegen Anzug getauscht.

Ich begeistere mich für die Aufnäher an den alten Jeanswesten, übersäht mit Schriftzügen einschlägiger Bands, dazu Pentagramme, Monster, Satansgedöns und dergleichen. Ein subkultureller Code, den ich nicht so ganz entziffern kann, der aber irgendwie zeigen soll, welche Bands gefallen und dass man weder Tod noch Teufel scheut.

Der Saal des Volkhauses ist klein aber voll, Vorgruppe Megadeth – selbst eine Legende – legt los. Sie sind (aus der Metallerperspektive) leise, ich brauch nicht mal die Ohrstöpsel, die in der Schweiz bei jedem Konzert verteilt werden. Sauber spielen sie ihren größten Hits der Achtziger und frühen Neunziger, das Publikum ist textfest uns singt mit, steht ansonsten eher dumm in der Gegend rum. So richtig Stimmung kommt noch nicht auf. Ich frage mich die ganze Zeit, ob die wischmopartige Frisur von Sänger Dave Mustaine echt ist. Rotblonde Haare ausreichend für 3 Menschen und 2 Hunde sprießen wild aus dem Kopf. Vor 28 Jahren wurde er wegen Drogenfreudigkeit bei Metallica rausgeworfen, danach das übliche Rock'n'Roller-Leben, 2004 als wiedergeborener Christ geläutert. Also eher Tod, weniger Teufel.

Die Meute tobt als Slayer auf die Bühne kommt. Einen Klassiker nach dem anderen hauen sie dem Publikum um die Ohren, in ungewohnter Qualität. Kein Wunder: Gitarrist Jeff Hannemann ist nicht dabei; der hatte bei der letzten Tour eher lustlos in die Seiten gegriffen. Gary Holt von Exodus quält als Ersatzspieler die Gitarre so, wie man es von den Platten kennt. Spätestens als sie „Raining Blood“, der meiner Meinung nach konsequenteste und somit beste Metallsong aller Zeiten, spielen, durchzucken Blitze mein gesamten sich im Rhythmus des Schlagzeuges windenden Körper. Ich schrei mir all das Böse, was ich seit meinem letzten Slayerkonzert so angesammelt hab, vom Leib. Friedlich und geläutert geh ich nach Hause.

Mittwoch, 13. April 2011

Bessermenschen

Brezelmeister Tobi hat mir 'ne Pressemitteilung eines jungen Stuttgarter Modelabels zugeschickt, die ich auf die Brezel schmieren sollte. Kleider spiegeln den Lifestyle wieder, in diesem Fall einen Lifestyle, der mir fremder nicht sein könnte. Ich hab mir erst überlegt, ob ich diesen neureichen Mumpitz einfach ignoriere, fühlte mich dann aber doch zu einem Kommentar getrieben, der aber viel zu nett geriet:


Stuttgart ist nicht Monaco. Nichtmal am Waranga. Da hilft auch keine globale Erwärmung. Hanglage und teure Autos haben wir zwar auch, aber der Neckar ist nicht die Côte d'Azur. Um einen Hauch monegassischer Mondänität bemühen sich die Stuttgarter Kristian Taraba und Michael Nüssler, die das Modelabel „best life“ gegründet haben. Hochtrabende Werte wie „Jugend, Lebensfreude und Partys“, kurz, das „Leben auf der Gewinnerseite“, stehen laut Eigenauskunft Pate für die Gestaltung, die fürstliche Steueroase inspirierte zur ersten Kollektion.

„I'm not arrogant, I am better than you“ behauptet eines der Motive, die Lohas-konform auf Fair-Trade-Shirts gedruckt werden. Genau das richtige für RTL 2-Promis, Fussballer, Nachwuchs-DJs und echte Bessermenschen, denen Gutmensch nicht gut genug ist.

[caption id="attachment_9320" align="aligncenter" width="315" caption="Weniger Lohas-Konform: Best-Life-Trägerin Carmen Geissen aus Monaco, berüchtigt für ihre Sammlung an CO2-Schleudern (Bentley, Hummer, Rolls Royce)."][/caption]

 

Psychedelisches Kraut



Ich hab grad meine Ausstellung vom letzten Wochenende wieder abgebaut. Nachdem ich einen Einblick in meine Psyche gegeben habe zeigt der nächste Ausstellende in der xsGallery psychedelische Bilder. Uwe Büchele, der Mitbegründer und Cover-Gestalter des Psychedelic-Rock Bootleg Labels „praekraut pandaemonium“, stellt nicht nur seine Arbeiten aus, er legt auch die passende Musik auf den Plattenteller. Wer will, kann vorher gerne Pilze essen, muss es aber nicht. Die Bilder wirken auch nüchtern.

Uwe Büchele | psychedelic underground
Vernissage / Finissage:
Freitag 15. April 2011, 19 Uhr
xsGallery, Rotebühlstraße 109a
www.xsgallery.com

Dienstag, 5. April 2011

Doras Lebenslüge



Ich bin schon ganz aufgeregt. Am Freitag mach ich kurz entschlossen meine erste Ausstellung - nicht als Galeristin sondern als Künstlerin. Die xs Gallery ist eine winzige ehemalige Sandwichbar in der Rotebühlstraße (direkt neben der Rosenau), in der ich 16 Quadratmeter Platz hab, um mein aufgeblasenes Ego abzubilden.

Ich sammle grad meine Gedanken und werde sie dann dort ausstellen und mit euren austauschen. Am Samstag ist dann auch schon wieder Finissage. So schnell kann's gehen. Gedanken sind flüchtig.

Veranstaltet wird das Ganze vom Tearoom e.V..