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Donnerstag, 28. März 2013

Hauptbahnhof womöglich für immer geschlossen.

 

 

Heut morgen mach ich mein Zeitloch auf und finde diesen schönen Artikel aus dem Jahr 2063. Offensichtlich werden wir auch in Zukunft die gleichen Probleme haben:

hauptbahnhof

Dienstag, 5. Februar 2013

Drohender Untod



Apropos Tod: Auch die Bundesregierung lehnt, wie heute in der Presse zu lesen, die Zahlung der Mehrkosten des Großwahnprojektes Stuttgart 21 für die Bahn ab. Ramsauer reicht eine Leiche im Keller, und die liegt in Berlin. Alternativen sollen geprüft werden, so die Regierung. Kein Wunder, die Kosten explodieren schon im Milliardenbereich, bevor so richtig losgebuddelt wird. Das Todesurteil: Unwirtschaftlichkeit – ein Schreckgespenst,  gefürchteter als mangelnder Brandschutz oder Rückbau der Kapazität. Weder Stadt, Land noch Bund sind bereit, die Kosten in unbestimmter Höhe zu decken. Stuttgart 21 ist tot. Es hat den Löffel abgegeben, ins Gras gebissen oder ist – ganz pietätvoll – einfach entschlafen.

Es reichen Grundkenntnisse der Zombologie um zu wissen, dass Tote nicht ruhen. „If there is no room in hell, the dead will walk the earth.“, ein schönes Zitat aus Dawn of the Dead von George Romero inspiriert die Phantasie der Tunnelparteien unseres Gemeinderats, die sich gestern in einer Resolution dazu bekannt haben, weiter am Zombiebahnhof festzuhalten. Laut ihnen gäbe es keinen sachlichen Grund, das Projekt weiter zu verzögern oder gar zu verhindern. Ich bin mal gespannt, mit welchem Voodoo-Zauber sie die Finanzierung des Milliardengrabs ermöglichen wollen. Es muss wahrlich große Liebe für das Genre des Zombie- und Endzeitfilms sein, die sie dazu treibt, Stuttgarts Herz durch Bauruinen vernarben und blutige Wunden in den Haushalt reissen zu wollen.

Mir fallen dazu ein ganzer Haufen grusliger Verschwörungstheorien ein, die erklären, wie die Mehrheit des Gemeinderats vom Wahn besessen oder vom Teufel geritten werden. Ich plädiere dafür, einen Exorzisten ins Rathaus zu schicken und mit den Spuk ein Ende zu setzen, damit die Toten endlich zur Ruhe kommen.

PS: Geforderte Alternativen können wir schnell bedienen: Loch 21

PPS: Soeben in den Nachrichten: Ramsauer auch von Zombieseuche befallen, er hat alles dementiert. Der Bund stünde voll und ganz hinter dem Zombiebahnhof. Wer ihn bezahlen soll, hat er aber leider nicht rausgerückt.

PPPS: Habe soeben erfahren, dass Claus Schmiedel die Zombieseuche verbreitet hat.

Sonntag, 16. Dezember 2012

Don't be a maybe

Pulp-Dora-rauch-

Heute hat mir eine Freundin erzählt, die EU wolle Mentholzigaretten verbieten. Menthol würde die Zigarette für Einsteiger geschmeidig machen und wäre somit verführerisch für jene, die mit dem Rauchen liebäugeln, jedoch Lungenbrecher wie Gitanes fürchteten. Im selben Zuge sollen Zigaretten eine Mindestdicke von 7,5mm haben, was das Aus für die Damenzigarette wäre.

Das hört sich nach einen klaren Schritt zu „Wenn schon, denn schon“ an und geht wie immer nicht weit genug. Cocktails versüßen den beissenden Geschmack des Alkohols und werden als erstes verboten. Bier und Wein? Viel zu süffig, klarer Fall von Abschaffen. Wer Alkohol will, soll bitte nicht unter 40% anfangen. Nur was ordentlich brennt, darf sich der angehende Alkoholkonsument in den Rachen schütten. Endlich werden auch alle Light-Produkte aus den Regalen verschwinden, die Vollmilchpflicht wird eingeführt und Wurst bekommt einen Mindestfettgehalt. Sportwägen dürfen keine Stoßdämpfer mehr haben und Fahrassistenzsysteme wie ABS kommen ebenso auf die schwarze Liste wie kleinkalibrige Waffen. Rote und blaue Skipisten werden gesperrt, im Schwimmbad wird nur noch das 10m Sprungbrett geöffnet. Und nicht vergessen: Kondome erleichtern den Einstieg in die Promiskuität – also weg damit! Aller Anfang ist hart, und wer sich selbst zerstören will, soll es bitte mit Schmackes tun. Das Europa der Zukunft ist nichts für Unentschlossene. Wie Marlboro schon in vorauseilendem Gehorsam wirbt: Don't be a maybe.

PS.
Altkanzler Schmidt wird wohl sein Plädoyer, welches er beim letzten Parteitag für die EU gehalten hat, im Halse stecken bleiben. Es sei denn, für ihn gibt es eine Sondermentholgenehmigung. Ansonsten bleibt ihm nur das Auswandern ins zukünftige Menthol-Mekka Schweiz.

Sonntag, 21. Oktober 2012

Nein zur Demo-Maut!



Kürzlich habe ich auf meiner Pinwand in Facebook einfach mal behauptet, der Stuttgarter OB-Kandidat Turner wolle eine Demo-Maut von 6,10 € einführen. Kann man ja mal dreist behaupten – Behaupten ist ja schrecklich en vogue, zumindest was Turners eigenen Wahlkampf angeht. Ein Kommentator meiner Behauptung mochte die Idee, er forderte die Maut für „Demonstranten welche sich im Geschäft krank melden ohne Grund und keine echte Meinung zu dem Thema der Demonstration haben!!!“. Da wir unsere plutokratische Grundordnung vor Bürgerwillkür schützen müssen, plädiere ich für die Schaffung der Demokratie-Maut!

  • Demo-Maut: € 6,10. Zuschlag für Plakat: € 12,20, Trillerpfeife: € 15,40, Vuvuzela: € 32,60,  Schwabenstreich: €3,20 Zuschlag. Montagszuschlag:60%

  • Infoblätter auf Demos: € 12,30 pro aufgelistetem Fakt. Haltlose und erlogene Fakten sind von der Maut befreit.

  • Wahlkampf-Maut: € 610,– pro Behauptung. Hanebüchene Behauptungen sind um  bis zu 80% reduziert. Instrumentalisierte Kinder geben 30% Rabatt. Verwendung lokaler Backwarenspezialitäten auf Werbemitteln: 20% Rabatt.

  • Die Freistellung von der Maut für wirtschaftsrelevante Kandidaten ist ja wohl selbstverständlich!

  • €12,80 Sozialromantiker-, Öko-Spinner- und Gutmenschen-Maut

  • Sinnlose Forderungen wie Brandschutzkonzepte, Baugenehmigungen, Einhaltung von Kostenrahmen werden mit € 6.100,– Fortschrittsfeindlichkeits-Maut belegt.

  • € 61,– Bürgerbeteiligungs-Maut

  • Wahlmaut: je weiter unten das Kreuzchen, desto teurer wird's


Nette Zusammenfassung Turners Wahlkampfaussagen gibt's in der Stuttgarter Zeitung: http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.stuttgarter-ob-wahl-streit-um-city-maut-und-parkgebuehren.811878d2-61e8-40cb-b1f5-da5c54af2aa5.html.  Meisterhaft in Behaupten hanebüchener Theorien, da kann selbst ich mir eine Scheibe von abschneiden: http://www.keinecitymaut.de/

Samstag, 13. Oktober 2012

Turners wutbürgerliche Wahlhelfer



Vor dem Stuttgarter Rathaus drängen sich die Leute. Ein Meer aus Plakaten und Protestschildern flutet den Marktplatz. Vor der dort aufgerichteten Bühne sitzen im abgesperrten Bereich Mitglieder der altkonservativen Parteien und warten. Plötzlich dröhnen wilde Rhythmen über den Platz, ein Konzert aus Trillerpfeifen und Gebrüll versucht dagegen anzustinken, als sich die Menge teilt und der „Star“ des Nachmittags in schwerem Geleit durch die Menge zur Bühne schreitet: Mutti kommt! Angela Merkel unterstützt den parteilosen OB-Kandidaten Sebastian Turner in seinem Wahlkampf. Wie die Prognosen stehen, droht die erste Landeshauptstadt in die Hand eines Grünen zu fallen, und dass nachdem sie schon den Ministerpräsidenten stellen. Aus CDU-Sicht ein Gau, bei dem Mutti persönlich eingreifen muss. Es fängt an, wie aus Eimern zu schütten, Schirme verdecken jegliche Sicht auf die Bühne, als jemand anfängt zu reden. Um mich herum wird gelärmt (Lügenpack! Lügenpack!), sodass ich auch nicht hören kann, wer da was von sich gibt. Die Stimmung ist verbittert und aggressiv, die letzten Nachrichten über den Bau des Erdbahnhofs sind Thema vieler Plakat: Zugentgleisungen und ein nicht erfülltes Brandschutzkonzept, was seit der Schlichtung eigentlich niemanden überraschen sollte.







Ich suche einen besseren Platz um zu verstehen, was da vorne passiert. Turner hat das Mikrophon ergriffen und redet mit lauter Stimme gegen den Lärm an. Nach dem üblichen Geschwalle über die Wichtigkeit der Bildung als Zukunftsweg, die wohl jeder Kandidat in seinem Programm stehen hat, aber trotzdem keiner in die Hand nimmt, schießt er sich auf Kuhn ein, dem er unterstellt, mit der Citymaut dem Bürger an die Freiheit und an's Portemonnaie zu gehen. Eins ist klar: Sein Wahlkampf hat den Namen Kampf verdient. Er baut auf die Furcht der Leute, ein Grüner würde Stuttgarts Wirtschaft und somit Wohlstand und Arbeitsplätze ruinieren und die Freiheit der Bürger eindosen. Wahlkämpfe, bei denen Furcht vor den anderen geschürt wird, sind mir zuwider.

Merkel übernimmt. Ihre etwas leisere Stimme geht wieder im Lärm unter, ich verstehe bruchstückhaft etwas von Zukunftstauglichkeit, Bahnprojekt, Wirtschaft und so. Am Ende erklingt die deutsche Nationalhymne, um zu unterstreichen, dass sich hier niemand geringeres als DIE Bundeskanzlerin für Turner ausgesprochen hat. Ende der Veranstaltung. Die einen packen ihre Transparente ein, die anderen empören sich über die Schande für Stuttgart, die Kanzlerin in dieser Form empfangen zu haben.

Für Turner scheint es ein gelungener Tag. Das Schreckgespenst der renitenten Wutbürger, die die Zukunft der Stadt sabotieren wollen, hat sich selbst an die Wand gemalt. Die Medien berichten über die Protestbewegung, die nicht bereit ist zuzuhören und ihrer Wut freien Lauf lässt. Das bringt die Stimmen jener, die von der Protestkultur die Nase voll haben.

„Der haben wir gezeigt, dass sie in Stuttgart nicht willkommen ist!“, sagt ein anderer Marktplatzbesucher zu mir. Ich frage mich, was das bringt? Ausgebuht werden gehört zum täglichen Programm in ihrer Position. Müssen wir ihr (oder vielleicht auch uns selbst) vor Augen führen, dass es immer noch Demonstranten in Stuttgart gibt? Wenn es etwas gibt, was sie wirklich trifft, dann ist es das Wahlergebnis von Turner, der kaum Aussichten hat, die grüne Gefahr zu bannen.

Mir war von vornherein klar, dass es sich viele nicht entgehen lassen, der Kanzlerin mal persönlich die – bestimmt durchaus berechtigte – Wut ins Gesicht zu brüllen, doch denke ich dabei auch an das Bild, dass wir Bahnhofsgegner dabei abgegeben haben. Es ist absolut okay, eine miese Rede mit Buh-Rufen statt Beifall zu quittieren, aber man sollte schon dem zuhören, was man verurteilt. Diesen Respekt sollte man auch seinem politischen Gegner zollen. Wie können wir die mangelnde Dialogbereitschaft der Regierung anprangern, wenn wir selbst alles niederbrüllen? Wir brauchen uns nicht zu wundern, wenn die Sympathien der Bevölkerung für die Protestbewegung durch solches Verhalten weiter schwinden. Das wollte Turner, und das hat ihm sein Publikum willfährig erfüllt. Der „Widerstand“ darf sich nicht unfreiwillig zum Wahlhelfer Turners machen. Auch wenn es verdammt gut tun mag, mal die Sau raus zu lassen. Protest ist kein Selbstzweck, er sollte einer Sache dienen. In diesem Fall hat er Turner gedient.

Kurzer Einwurf: Ich möchte mal darauf hinweisen, dass das dort geballte Wutbürgertum nicht repräsentativ für alle Bahnhofsgegner und Turner-Kritiker steht, auch wenn die Medien dieses Bild zeichnen werden.

Mir hätte es besser gefallen, hätten Turner und Merkel in Ruhe ihre Reden halten können. In seine Angriffe auf Kuhn wirkt Turner unsouverän. Wer wirklich was auf dem Kasten hat, muss sich nicht über das Abwerten anderer positionieren. Sein aggressiver Wahlkampfstil schreckt mich ab. Dass er jetzt den Bahnhofsstreit für seinen Wahlkampf instrumentalisiert  (gegen grüne Verschleppung und Mehrkosten ...), widerspricht seiner Ansage, den „Krieg“ in der Stadt beenden zu wollen. Noch besser hätte mir gefallen, Frau Merkel hätte allein vor den geladenen Gästen geredet und der Platz wäre ansonsten leer gewesen.

Am Sonntag in einer Woche wird Stuttgart zeigen, ob sein Wahlkampf aufgegangen sein wird. Insgesamt war die Veranstaltung so hässlich wie das Wetter, für Muttis Gäste wie für die Protestbewegung.

Mittwoch, 10. Oktober 2012

Stoppt die grüne Gefahr!



Der Wahlkampf um den Oberbürgermeisterposten in Stuttgart geht in die heiße Phase! Die einen wollen Sebastian Turner verhindern, die anderen Fritz Kuhn. Nicht nur die Kanzlerin schlägt sich jetzt auf die Seite des Berliner Werbers, sondern auch „Mausi“, so behauptet es jedenfalls die Facebook-Seite „Koin Kuhn“, die sich der politischen Argumentation gegen die grüne Gefahr verschrieben hat. Hier noch ein paar Beispiele, die vor Augen führen, was die „Initiative gegen einen grünen Oberbürgermeister Fritz Kuhn in Stuttgart.“ zum politischen Diskurs beiträgt.



[caption id="attachment_7684" align="aligncenter" width="278"] „Wir brauchen in Stuttgart keinen grünen Verbotsmeister als OB, der alles verzögert, überall klagt, überall klugscheißt.
Infrastrukturprojekte ausbremst oder verhindert.
Bewahren des Status Quo durch die subtile Sandstreumechanik der Grünen, die alles verlangsamen und KOSTEN
produzieren, die allen nach dem Mund reden nur nicht den wirklichen Zukunftschancen Gehör verschaffen.
Den anderen immer den moralischen Zeigefinger vor die Nase strecken, und sich an der gedeihlichen Entwicklung Stuttgarts vergehen.
Das alles schafft Grün. Da sind sie sehr erfolgreich.
Deshalb KOIN KUHN!“[/caption]

[caption id="attachment_7683" align="aligncenter" width="500"] „Mobilität und Autofahren a la Fritz Kuhn...
Das MUSS verhindert werden!
KOIN KUHN!“[/caption]

PS: Leider musste ich Mausi verpixeln, aber nach der Abmahnung eines Pro-S21-Hemdchen-Verkäufers ob seiner Unverpixeltheit bin ich vorsichtig geworden.

Turnergegner lassen sich aber auch nicht lumpen, wenn's um den Einsatz blanker Haut für politische Zwecke geht. Ich merk schon, es wird spannend!

Über Anti-Turnersche Agitation schreibt auch Bild, beherzigt dabei jedoch nicht das journalistische Prinzip, beide Seiten darzustellen : http://www.bild.de/regional/stuttgart/buergermeister/schmier-kampagne-gege-turner-26530454.bild.html

[caption id="" align="alignnone" width="457"] Quelle: Bild.de, Foto: dpa, Michael Hahn[/caption]

Was sagen wohl die Kandidaten zu solch wahlkämpferischen Kolateralschäden? Turner überlegt zu klagen, so behauptet er in Bild. Er übersieht dabei vielleicht, dass eben diese Werbung seine Gegner diffamiert. Als Werbeprofi würde ich mich über diese ungewollte Unterstützung freuen. Als Hannes würde mein Gesicht die Haarfarbe annehmen. Zum Glück muss ich kein Wahlkampf machen! Wenngleich: Mich würde mal interessieren, mit welchen Argumenten ich verhindert werden sollte ...

Dienstag, 9. Oktober 2012

Mutti kommt!



„Grundeis ist das sich auf dem Grund fließender Gewässer bildende Eis. Es wächst von der Gewässersohle aus in das Wasser hinein und bildet mitunter bizarre Unterwasser-Skulpturen.“ (Wikipedia). Des weiteren gehen dort gern Ärsche drauf. Insbesondere jener der Oldschool-Konservativen, die im Süden Deutschlands schlimmstenfalls mal mit den Sozen koalieren mussten.

Bürgerlich, christlich und konservativ können auch andere: MP Kretschmann erfüllt, was die CDU versprochen und Mappus in die Tonne getreten hat. Um das neue Bürgertum zurückzugewinnen, wurde der parteilose Werber Turner ins Rennen geschickt, der mit rommelscher Weltoffenheit den Krieg um Stuttgart 21 beenden will. Brezelbackend und kinderkuschelnd flutet er die Stadt mit Plakaten. Über 500 Wahlkampftermine bestreitet der Bürger, der Bürgermeister werden will, um den GAU zu verhindern: Nach dem Landtag auch das Rathaus an die Öko-Konservativen zu verlieren. Auch die Totalverbrezelung der Plakatwände half ihm nicht, im ersten Wahlgang die Mehrheit zu holen. Da Bettina Wilhelm das Handtuch geschmissen hat, muss Turner ordentlich Gas geben. Seine Hoffnung: Bei 46,7% Wahlbeteiligung ist noch Luft nach oben für den zweiten Wahlgang am 21. Oktober.

Zu Hilfe eilt die Mutti der Nation: Die Kanzlerin kommt! Am Freitag auf den Marktplatz.  Und macht somit den Wahlkampf zur Chefsache. Der Vorsitzende der baden-württembergischen CDU, Thomas Strobl, malt schon mal seinen persönlichen Teufel an die Wand: „Mit einem Grünen in der Villa Reitzenstein und einem Grünen als Oberbürgermeister im Stuttgarter Rathaus stirbt 'Stuttgart 21'“. Das könnte man auch als Abwahl-Versprechen verstehen. Die Einführung der City-Maut und Grundsteuererhöhung sind weitere Schreckgespenste, die die Grünen längst als „blanken Unsinn“ enttarnt haben. Mal schauen, ob Kuhn alle Autos kompostiert, den Daimler in eine Biogasanlage transformiert und alle Schulen zu Baumschulen umwandelt.

Apropos Furcht und Schrecken: Was mir viel mehr Angst einjagt, sind all die schönen Bauprojekte, bei denen noch mehr leerstehende Bürogebäude für ein fortschrittliches Stadtbild sorgen sollen. Die sind für jene, die sie abschreiben, sicher recht wirtschaftlich. Neue Einkaufszentren ermöglichen tageslichtfreies Shopping für jene Yuppiezombies, die sich die Mieten in den neugeschaffenen Vierteln leisten können. Wirtschaftsnähe mag im Industriegebiet fein sein, die Stadt gehört ihren Bürgern.

Die deutlichste Duftmarke des Angstschweißes rieche ich bei der CDU, die mit Stuttgart den Kern der drittgrößten Metropolregion Deutschlands verliert, und dass nicht an den Altrivalen SPD, sondern an die Grünen, die ihnen auf bürgerlichem Terrain die Wähler abluchsen. Auf dem Land mögen Kirche und CDU noch unangefochten herrschen, aber die Städte vergrünen zunehmend. Kein Wunder, dass Mutti persönlich erscheint, doch das hat bei Mappus schon nicht geholfen.

Donnerstag, 4. Oktober 2012

Roboter und Trim-Dich-Pfade



Diesen Sonntag: OB-Wahl in Stuttgart, erster Wahlgang. Egal ob an Laternenmasten oder in den Medien, der Wahlkampf geht in den Endspurt. Es scheint, es gäbe nur vier Kandidaten: Kuhn, Turner, Wilhelm und Rockenbauch. Genauer gesagt gibt es vier Kandidaten, die Werbebudgets haben. Die restlichen neun gehen unter. Das die Medien Weltkriegsbeschwörern wie Ossenkopp (BüSo) und Komödianten wie Markus Vogt alias Häns Dämpf (Die Partei) nicht so viel Platz einräumen wollen, kann ich ja verstehen. Aber es gibt auch ein paar Übersehene, die es mit ihrem Kandidatentum durchaus ernst meinen, die waschechte Programme haben, die sich nicht hinter denen der „großen Vier“ verstecken müssen. Ich finde es grundsätzlich bekloppt, in welchem Maße Geld demokratische Prozesse lenkt, weshalb ich hier mal den Blick auf den parteilosen Dr. Ralph Schertlen lenke, der nicht durch Dauerbegrinsung vom Straßenrand, sondern durch sein Programm mein Interesse geweckt hat. Seinen handgestrickten Werbemitteln sieht man an, dass hier kein Wahlwerbeprofi am Werk ist, sein Hirnschmalz hat der Kandidat offensichtlich eher in den Inhalt seines Programms gesteckt.







Schwäbisch, bodenständig, ideologiefrei, fortschrittlich und ehrlich, so charakterisiert sich der gebürtige Bad Cannstatter selbst. Klingt nicht gerade glamourös, aber was sagt die alte Schwabenweisheit? Wir können alles außer Glamour. Oder so ähnlich. Als Chef einer Verwaltung mit 20.000 Menschen ist Extravaganz nicht die geforderte Kernkompetenz. Ideologie hat schon Karl Marx als „Gebäude, das zur Verschleierung und damit zur Rechtfertigung der eigentlichen Machtverhältnisse dient“ erkannt, brauchen wir also auch nicht. Fortschrittlich? Hilfe! Gern genutztes Schlagwort zur Verschleierung und Rechtfertigung von Großprojekten. Schertlen ist – urschwäbisch! – Ingenieur, und er erkennt die Bahnhofstieferlegung als Rückschritt, hat dafür viel interessantere Ideen wie die Nord-Ost-Umfahrung Stuttgarts. Wie alle anderen hat er eingesehen, dass unsere Stadt nicht alleine auf die Autoindustrie setzen kann. Er bevorzugt Roboter. Robotik hört sich nach Science Fiction an, ist es aber nicht. Es ist Zukunft. Fortschritt bedeutet für Schertlen bessere Bildung, nicht noch mehr Bagger und Kräne. Als alter Sportvereinsmeier will er den Breitensport fördern, Trimm-Dich-Pfade intakt halten, Turnhallen reparieren und somit was für Körper und Geist der Bürger bieten. Und der Röhre will er eine neue Heimat geben! Keine große Vision, aber eine umsetzbare. Gefällt mir, um's mal in Facebookdeutsch zu sagen.

Was ich richtig klasse finde, ist seine Idee des „1000 Akkuschrauber-Programm“, bei dem Jugendliche gemeinsam sich in ihrem Stadtviertel einbringen können, Skateboard-Rampen bauen und dergleichen. Wenngleich er keine Chance hat, gewählt zu werden (was für alle außer Turner und Kuhn meines Erachtens gilt), fände ich es schön, wenn sein Programm wenigstens mal angeschaut werden würde und die eine oder andere Idee aufgegriffen würde. Demokratie lebt wie gesagt von Vielfalt, Ralph Schertlen liefert ein bislang wenig beachteten Beitrag dazu.

schertlen.de

PS: Hoffentlich steinigen mich jetzt nicht die Kollegen von der Oben-Bleiben-Front, wenn ich über Alternativen zu Hannes Rockenbauch schreibe. In meiner Protestbewegung ist Vielfalt erlaubt, und ich fürchte auch nicht, dass Underdogs wie Schertlen und Loewe dem „Widerstand“ an Schlagkraft rauben. Für mich gilt im ersten Wahlgang: Alles ausser Turner! (und Ossenkopp, der zum Glück keine Chance hat).

Wem schwäbische Sekundärtugenden Angst machen und wer's lieber ein bisschen „alternativ“ haben will, sollte sich Jens Loewe anschauen:

http://www.jens-loewe.de/ 

Donnerstag, 30. August 2012

Dabeisein ist alles!

Gesichter blicken mit gewollt vertrauenserweckendem Blick von Plakaten auf die Straßen der Stadt und sagen mir: Wähl mich! In Ermangelung des längst überfälligen Virtuellenwahlrecht kann ich dem Wunsch nicht Folge leisten, interessiere mich aber trotzdem dafür, wer in den nächsten acht Jahren meiner Heimatstadt Stuttgart als Oberbürgermeister dient.

Der berechtigten Angst vor dem Politikerverdruss der Wähler geschuldet sind diesmal ein Haufen parteilose Kandidaten im Rennen. Für die Fortschritt-ist-wenn-der-Bagger-rollt-Fraktion (CDU, FDP, Freie Wähler) lässt sich der parteilose Werbefritze Sebastian Turner aufstellen, ebenso parteilos ist Bettina Wilhelm, die für die SPD antritt. Mit Fritz Kuhn trauen sich die Grünen, einen aus den eigenen Reihen zu nominieren. Ein Haufen weiterer Kandidaten treibt das olympische Prinzip auf den Wahlzettel. Das ist auch gut so: Demokratie lebt von Vielfalt. Motive dafür gibt's einige zwischen Idealismus, Profilierungssucht und Albernheit.

Lohnt es sich überhaupt jemanden zu wählen, der oder die eh keine Chance auf das Amt hat? Ist eine Stimme für Rockenbauch verschwendet, wenn es gilt, Turner zu stoppen? Wählt man strategisch oder nach besten Wissen und Gewissen? Darüber streiten sich viele, aber ich sage mal einfach: Scheiß der Hund drauf! Wenn Turner im ersten Wahlgang 50% erreicht, kümmert keinen, wie die anderen abschneiden. Weder Kuhn noch Wilhelm werden meines Erachtens im ersten Anlauf die Mehrheit erreichen. Wenn keiner die Mehrheit beim ersten Mal erreicht, kommt es zum zweiten Wahlgang. Also wäre es auch egal, ob die Piraten ein paar Stimmen erobert hätten oder nicht. Die Debatte, ob man sich beim ersten Wahlgang idealistisch oder pragmatisch verhält scheint mir einigermaßen sinnlos. Es sei denn, man glaubt, Kuhn könne die 50%-Hürde nehmen. Wer also Jens Loewe oder Marion Furtwängler mag, sollte sie auch wählen. Vorausgesetzt, sie bekommen genügend Unterstützerunterschriften, um überhaupt teilnehmen zu können. Einige der weniger bekannten Kandidaten brauchen noch Unterschriften. Wer sich also wie ich über Vielfalt freut, sollte sie unterstützen.

Interessant wird's erst in der zweiten Runde. Turner hat automatisch gewonnen, wenn sich die anderen auf keinen Gegenkandidaten einigen können, sei es aus Eitelkeit oder Größenwahn. Ob Kuhn, Wilhelm oder Rockenbauch bereit dazu sind, den Platz für jemand anderes zu räumen, ist offen, aber auch  zu hoffen! Dazu könnte es natürlich sinnvoll sein, wenn Platz 2 recht eindeutig ausfällt, was wieder gegen die kleinen Kandidaten spricht. Doch das ist mir zu viel Rumtaktiererei, es lebe die Vielfalt!

PS:
Mein persönlicher Tipp für alle, die mit ihrer Unterschrift für Vielfalt sorgen wollen: Jens Loewe. Er ist S21-Gegner aus Leidenschaft, setzt sich für den Rückkauf und die Rekommunalisierung der Strom-, Wasser- und Gasversorgung der Stadt ein und ist für mehr Bürgerbeteiligung. Ich bin nicht in allen Punkten mit seiner Meinung konform, halte ihn aber für einen Idealisten, der sich nicht für eine Politkarriere profilieren will. Ausserdem hat er „Unser Pavillon“ stark unterstützt, was mir natürlich gefällt! Ein Pavillonist als OB wäre ein schöner Gedanke, aber er sollte zumindest dabei sein, denn das ist bekanntlich alles.

Hier kann man sein Unterschriftenformular runterladen: 
http://www.jens-loewe.de/unterstuetzen.html


Ein weiterer Kandidat, der zwar schon alle Unterschriften hat, aber trotzdem interessant ist: Wolfram Bernhardt. „Wolfram ist keine Partei. Wolfram ist das Volk. Stuttgart braucht Wolfram.“ steht auf seiner Facebookseite geschrieben. Klingt selbstbewusst, und das ist auch gut so. Wir wollen schließlich keinen Waschlappen als OB. Bernhardt ist Mitbegründer der Bürgerbeteiligungsplattform Meisterbuerger.org und ein recht schlauer Kopf. Wenn man ihn auch nicht wählen will, ist er ein interessanter Bursche, den man sich mal anschauen soll. Des weiteren arbeitet Bernhardt auch für Agora 42, einem sehr schlauen Magazin über Wirtschaft, Geld und so. (Ich wollte schon des längeren mal dieses Magazin hier vorstellen, hab's aber noch nicht hingekriegt. Tschuldigung!)

Interview mit Bernhardt

Montag, 25. Juni 2012

Wenn dir was nicht passt, schneid es ab!



„Liebe Autofahrerin, lieber Autofahrer. Ich hab ihre Nationalfahne entfernt. Egal aus welcher Motivation sie diese Fahne angebracht haben, sie produziert in jedem Fall Nationalismus.“ ist auf einem Zettel zu lesen, der an den Überresten einer Deutschlandfahne am Wagen meiner Freundin hängt. Ihr zehnjähriger, fußballfiebriger Sohn hat sie dort angebracht. „Diese Fahne steht nicht für Fußball oder irgend ein Team, sondern für deutsche Identität.“ Offensichtlich hat der oder die selbsternannte AnfängenwehrerIn nur deutsche Fähnchen im Visir. Italienischer oder spanischer Nationalismus scheinen wohl weniger gefährlich zu sein. Wurden bei zweiländrig beflaggten Autos dann nur die deutschen Fähnchen entfernt? „Mit nationalen Symbolen wie diesem Autofähnchen wird eine ‚nationale Gemeinschaft‘ konstruiert, also die eigene Identität betont und damit Nationalismus erzeugt.“ Was noch viel mehr Gemeinschaft erzeugt, ist ein gemeinsamer Feind der eint. Zum Beispiel jemand, dessen eigene Freiheit nicht da enden will, wo die Freiheit des anderen beginnt und dies mit Sachbeschädigung zum Ausdruck bringt. Utilitaristisch betrachtet könnte man ja gutheißen, dass dieser Vandalismus zur Reflektion über die Gefahren des Nationalismus führt. Ob der Sohn meiner Freundin fortan „Nein zu Deutschland“ sagt, wozu der Zettel des weiteren auffordert, wage ich jedoch zu bezweifeln.

Bei der erwünschten Reflektion kommt mir in den Sinn, dass von allen Symbolen, die Gruppenzugehörigkeit fördern, Gefahr ausgeht. Sie führen zu Ismen und Ideologien, die allesamt für viele Menschen fatale Konsequenzen haben können. Darf ich einem Antifa-Aktivisten die Buttons vom Revers reissen, da sie kommunistisches Gedankengut verbreiten und ihm anstelle dessen ein Pamphlet über die Gefahren politischer Ideologien hinhängen? Darf ich Obenbleibenkleber von Autos kratzen, weil sie eine Wutbürgergemeinschaft erzeugen? Wer gibt mir das Recht, über die Identitätsbildung anderer zu urteilen? Welche Symbole sind erlaubt, welche verwerflich? Mich würde interessieren, was der anonyme Verfasser dieses Zettels dazu zu sagen hat, woher er seine Legitimation nimmt, über zur Schau getragene Symbolik zu urteilen. Was wäre wenn jeder nach dieser Maxime handeln würde? Ein kollektiver Bildersturm, der die Welt von jeglicher Symbolik befreit? Eine Welt, in der jeder das Recht hat, die Meinung anderer zu vandalieren? Wenn dir was nicht passt, schneid es ab!  Ist es das, was der Sohn meiner Freundin daraus lernen soll?

Diese Aktion schadet der Antifa-Bewegung, sie spielt den Nationalisten in die Hände. Um zum Fußball zurück zu kommen: ein Eigentor. Also bitte, liebe Fahnenabreisserin, lieber Fahnenabreisser. Egal aus welcher Motivation sie diese Fahne abgerissen haben, es produziert in jedem Fall Nationalismus. Den Rest kennt ihr ja.

PS: Ich habe herausgefunden, wo man die Druckvorlagen für die Zettel runterladen kann. http://cosmonautilus.blogsport.de/materialien/

Ein aufwändig gestaltetes Heftchen kann dort runter geladen werden und informiert minutiös darüber, wie man am besten die Fähnchen kaputt macht.

Der Urheber „Cosmonautilus“ will laut eigenem Bekunden als offene politische Gruppe aus Berlin Neukölln die Welt mitgestalten – gefragt und ungefragt.

Sie verstehen sich als Ortsgruppe der Linksjugend Solid (www.linksjugend-solid.de), der Jugendorganisation der Partei Die Linke.

Ein Funken Selbsterkenntnis erlöscht in einer großen Pfütze Selbstgerechtigkeit:
„... Denn das Abreißen von Deutschlandfahnen – zu dem wir an dieser Stelle explizit noch einmal nicht aufrufen wollen – beruhigt zwar das eigene linke Gewissen, gebietet der Flaggenflut aber meist ähnlich effektiv Einhalt wie der Tropfen den heißen Stein kühlt. Hinzu kommt, dass das Vergreifen an fremder Leute Sachen geeignet ist, diese fremden Leute in ihrer patriotischen Verbohrtheit zu bestärken, anti-linke Ressentiments zu befördern und einem fortschrittlichen Entwicklungsprozess der Gesellschaft eventuell sogar abträglich zu sein. Mit diesem praktischen Flyer allerdings könnt ihr den einstigen patriotischen Besitzer*innen eine kleine Nachricht hinterlassen, in der Hoffnung, einen Denkprozess in Gang zu setzen, der sich dann auch auf zukünftige sportliche Großereignisse positiv auswirken kann.“ 

Hätten die sich das mal lieber zu Herzen genommen.

Sonntag, 22. Januar 2012

Direkte Absurdität



Heute gesehen: Top-Argument gegen direkte Demokratie. Nicht das ich denke, dass Kinderschändern Gnade widerfahren sollte, aber es ist schon erschreckend, wie man die zivilisatorische Errungenschaft der Abschaffung der Todesstrafe so einfach infrage stellt, wenn die Emotionen hochkochen. Wie viele zu Unrecht wegen Kinderschändung Verurteilte wären wir bereit zu töten, um dem Auge um Auge-Prinzip gerecht zu werden? So lange es kein fehlerfreies Rechtssystem gibt, ist so eine Forderung absurd. Eine Volksabstimmung zur Todesstrafe nach einem durch die Medien gejagten Schändungsfall ergäbe ein eindeutiges Ergebnis, nach der posthumen Rehabilitierung eines Unschuldigen sähe es genau anders rum aus. Auf wie viele Priester würde dann das Schafott warten? Vielleicht wäre es sinnvoller, die Verfolgung solcher Fälle zu vereinfachen, jene die solche Fälle vertuschen härter ran zu nehmen (würde der Kirche auch nicht gefallen) und besser abzuwägen bevor ein Kinderschänder wieder auf freien Fuß gesetzt wird. Das ist komplexer und lässt sich halt nicht so einfach auf eine Autoscheibe neben ein kulleräugiges Mädchen drucken. Ich bin froh, dass das Volk nicht mit so diffizilen Fragen überfordert wird und dann die Bildzeitung und RTL entscheiden, wo's lang geht.

Dienstag, 13. Dezember 2011

Ein Ort für bewegte Bürger


Der Volksentscheid hat ergeben: Das Land Baden-Württemberg soll nicht aus der Finanzierung des Großbauprojektes Stuttgart 21 aussteigen. Für die Bahn bedeutet das der Startschuss, mit dem Projekt richtig loszulegen. Viele Gegner fassen dies als Legitimation für den Bau des Bahnhofs auf, auch wenn seine Finanzierung noch nicht geklärt ist. Andere wollen bis aufs Letzte Park und Bahnhof verteidigen. Währenddessen wird das neue Stuttgart geplant. Vor lauter Bahnhof hat keiner bemerkt, dass jetzt schon ganze Häuserblöcke wie im Gerberviertel abgerissen werden, um Shoppingcenter und Büroleerstand hinzuklotzen..Das Gebiet, auf dem heute noch Gleise liegen, wird neu geplant und keiner interessiert sich so richtig dafür. Wenn das neu gefundene politische Bewusstsein in Radikalisierung oder Rückzug verläuft, haben wir nichts gewonnen.



Plattform für Aktive

Es gibt auch einen dritten Weg: Unsere Stadt braucht eine Bürgerbewegung, die sich jenseits der Bahnhofsfrage für eine bürgerfreundliche Stadtentwicklung engagiert. Und diese Bewegung muss offen und sichtbar sein. Sie braucht einen Ort, der als Anlaufstelle und Dialogzentrum für Bürger dient, die die Zukunft ihrer Stadt nicht den Großinvestoren überlassen wollen. Ein solchen Ort gibt es schon, doch der steht auf verlorenem Boden: „Unser Pavillon“ steht derzeit dort, wo ab Januar die Bagger rollen werden. Der containerartige Bau dient als Informations- und Ausstellungsplattform dieser neuen Bürgerbewegung und ist nicht nur Anlaufstelle für Aktivisten und Künstler, sondern auch interessierte Passanten. Bislang wurde der von Stadt und Land nur geduldete Pavillon mit viel persönlichen Engagement und Herzblut von ein paar Leuten ehrenamtlich betrieben. Doch um den Pavillon an einem neuen Ort auf einer soliden, legalen Basis weiter zu betreiben, bedarf es der weiteren Unterstützung von uns allen. Dazu sollen auch Gespräche mit der Stadt über finanzielle Unterstützung und einen geeigneten Standort geführt werden. Das Team vom Pavillon sucht deshalb engagierte Leute, die sich an der Weiterentwicklung des Pavillonkonzepts beteiligen wollen.



Frische Ideen braucht das Land
Ich persönlich würde mir ja wünschen, wenn insbesondere junge Leute dem Aufruf folgen würden. Sie sind es, die die Früchte ihrer Arbeit ernten können, denn es handelt sich um langfristige Prozesse. Sie müssen neue Wege finden, wie Bürger in die Stadtentwicklung besser integriert werden können. Und dazu brauchen wir frische Ideen und die Bereitschaft, das Gewohnte auf den Kopf zu stellen und unkonventionelle Lösungen zu suchen. Wenn wir uns auf die Ideen der Politik verlassen, haben wir nichts dazu gelernt. Als engagierter Bürger reicht es nicht, alle paar Jahre ein Kreuzchen zum machen. Sonst kommt das nächste Stuttgart 21 bestimmt.



Noch ein Hinweis: Es eilt! Wenn ihr Interesse habt, dann meldet euch so schnell wie möglich beim Pavillon:










Noch ein paar Infos rund ums Thema:

  • Eine interessante Bürgerbewegung in Stuttgart nennt sich „Meisterbürger“. Ein Bürgernetzwerk, dass sich zum Ziel setzt mitzuregieren, anstatt regiert zu werden.
    http://meisterbuerger.org/

  • Hier informiert die Stadt darüber, wo gerade gebaut wird:
    http://stuttgart-baut.de/

  • Das größte städtebauliche Projekt im Zuge von Stuttgart 21 ist das Rosensteinviertel. Auf der Webseite steht zu oberst: „Wir gestalten unsere Stadt von morgen“. Derzeit befindet sich das Projekt in der „Inspirationsphase“. Diesen Mittwoch, dem 14. Dezember, startet eine Veranstaltungsreihe bei der es die Möglichkeit zur Diskussion geben soll. Es lohnt sich den vorgesehenen Beteiligungsprozess genau unter die Lupe zu nehmen.
    http://www.rosenstein-stuttgart.de/

  • Das passiert, wenn Investoren die Stadt gestalten:
    http://www.das-gerber.de/


Hier der Aufruf von der Facebookseite von „Unser Pavillon“:
https://www.facebook.com/unser.pavillon

Aufruf zur Mitwirkung


Die junge Bürgerbewegung in Stuttgart hat keinen Grund zur Resignation, sie muss jetzt mit frischer Kraft weitergehen, dazu haben wir einen Auftrag und eine historische Verpflichtung! Wir wissen, dass es um mehr als einen Bahnhof geht und daher haben wir als Bürgerbewegung, die knapp die Hälfte der Stuttgarter Bevölkerung vertritt, einen legitimen Anspruch auf eine dauerhafte, prominente Präsenz im öffentlichen Raum.


Lasst uns diese Chance nutzen und ein starkes Projekt mit unserer geballten Kompetenz initiieren: Aus dem Projekt Unser Pavillon können wir ein gemeinsames, längerfristiges und finanziertes Projekt heraus entwickeln! Das geht jedoch nur, wenn sich genügend Menschen zusammentun und ihre Kräfte bündeln.


Daher unsere Frage: Wer kann sich vorstellen bei einem zukünftigen Projekt in Anknüpfung an das aktuelle Pavillon-Projekt mit einem neuen, gemeinsam erarbeiteten Konzept aktiv dabei zu sein?




Und noch zu guter Letzt: Das Hemdchen, das ich auf dem Bild trage, hat meine Freundin, die Künstlerin Karin Rehm erfunden. Ich werde es bald zum Kauf in ähnlicher Form feilbieten. Karin hat mir auch dabei geholfen, diesen Text zu formulieren. Sie ist Urpavillonistin, hat ihn mit eigenen Händen mit aufgebaut und unzählige Mal dort „Dienst geschoben“.





Montag, 28. November 2011

Weiterärgern und fertig bauen.



Als gute Demokratin, so habe ich  vielfach gehört, darf ich jetzt nicht mehr gegen ein vom Volk legitimiertes Bauprojekt auf die Straße gehen, muss die Kröte schlucken und das Maul halten. Es sei dahin gestellt, was ich von der Volksabstimmung über die Bahnhofsfrage halte. Aber klar ist: Es wird gebaut. Zumindest mal damit angefangen. Bis das Geld ausgeht. Einerseits sagt die Bahn, dass 4.500.000.000 Euro ausreichend seien. Andererseits sagte Bahnchef Grube aber auch, dass sich das Land wie alle Projektpartner an etwaigen Mehrkosten beteiligen muss. Ministerpräsident Kretschmann behauptet jedoch, dass das Land keinen Cent mehr als der veranschlagte Anteil zahlen wird. Gebaut soll trotzdem werden, obwohl keinem klar ist, wer die Rechnung dann zahlt, die garantiert kommen wird. Und da niemand gerne vor Bauruine 21 stehen möchte, wird im Falle von Kostenlimitüberschreitung halt doch Landesgeld in den Schlund des Erdbahnhofs verschwinden, denn keiner hat dann die Eier zu fordern, die Grube wieder zuzuschütten.

Als gute Demokratin schickt es sich vielleicht nicht, weiter gegen S21 zu demonstrieren, aber für eine klare Aussage zur Finanzierung kann man ruhig weiterhin auf die Straße gehen.

Wenn die Bahn ihren eigenen Zahlen glauben würde, könnte sie ja ohne Probleme die Mehrkosten übernehmen, die es aus ihrer Sicht nie geben wird. Es mag gängige Praxis sein, Projekte mit zu knapp kalkulierten Kosten politisch durchzusetzen, aber ich sehe nicht ein, dass die Bürger dieses Landes dafür aufkommen müssen. So lange seine Finanzierung nicht geklärt ist, darf mit dem Bau des Erdbahnhofs nicht angefangen werden.

Mich hätte übrigens interessiert, wie das Land abgestimmt hätte, wenn die erdbahnhofsfreudige Mehrheit direkt dafür gerade stehen müsste. Wie viel Privatvermögen wäre jeder von denen bereit, in ihre Version der Zukunft von Stuttgart zu investieren? Leider herrscht die Einstellung, dass irgend jemand schon die Rechnung bezahlen wird. Dieser Gedanke ist Vater unserer Eurokrise und widert mich an.

Als gute Demokratin akzeptiere ich des Volkes Wille, werde aber nicht aufhören, wach zu bleiben. Stuttgart wird sich in den nächsten Jahrzehnten drastisch ändern. Der Ruf nach mehr Partizipation des Volkes wurde laut, die Politik denkt über Vereinfachung von Bürgerentscheiden nach. Das stellt uns als Bürger in die Verantwortung, die Entwicklung kritischen Auges zu begleiten. Auch wenn es für viele frustrierend sein mag, dass der Widerstand nichts verhindern konnte, dürfen wir jetzt nicht aufgeben und uns beleidigt zurück ziehen. Gerade jetzt ist es wichtig, unser neu gefundenes politische Bewusstsein weiter zu leben und eine aktive Rolle an der Entwicklung unserer Stadt und unsere Landes einzunehmen. Demokratie funktioniert nur, wenn der Souverän, das Volk, kritisch, wach und verantwortungsbewusst handelt.

Montag, 31. Oktober 2011

Erdbahnhof ist GEIL!



Ich habe mir zum Selbstschutz einen Spamfilter ins Hirn installiert. Der bewahrt mich zum Beispiel vor dümmlichen Werbekampagnen und Titelseiten der Bildzeitung, die überall leicht verdaulichen Blödsinn in großen Lettern offerieren. Diese Form von Ignoranz macht mein Leben schöner, es hält Unliebsames aus meiner Lebenslüge fern. Ab und an schau ich aber doch mal nach, was so alles im Fusselsieb des Spamfilters hängengeblieben ist, bin ja doch recht neugierig. In der Kategorie „Geiz ist geil“ ist mir dann doch was ins Auge gestochen: „Wir sind doch nicht blöd“, Mediamarkt-Optik aber kein Krimskrams zur elektronischen Unterhaltung für 555 Euro, sondern ein „Nein“ zum Kündigungsgesetz. Seit wann macht der Mediamarkt Politik? Äh, halt! Nicht Mediamarkt, www.fuerstuttgart21.de ist der Absender der etwas irreführenden Werbebotschaft. Anlass ist eine Volksabstimmung über die Finanzierung des Milliardenprojekts Stutttgart 21 durch das Land Baden-Württemberg. Das Thema ist komplex, die an der Wahlurne gestellte Frage ist so unverständlich wie eine Steuererklärung und der Bedarf an Aufklärung durchaus gegeben, da Souverän Volk nur dann sinnvoll entscheiden kann, wenn er weiß worum es eigentlich geht. Aufklären ist langwierig und bei vielen mangels Interesse erfolglos, drum kann man auch Meinung machen, dachte sich der IG Bürger für Baden-Württemberg e.V. und verkleistert das Land mit Grobgeschnitztem à la „Randale statt Demokratie – wir sind doch nicht blöd!“. Hinter einem Komplettausrutscher wie dem „Tu' IHN unten rein“-Hemdchen stehen einzelne Verwirrte, doch diese Kampagne hat System, sie ist ernst gemeint. Am besten, jeder schaut sich mal in Ruhe die Plakatserie an, und macht sich ein eigenes Bild davon, auf welchem Niveau diese Gruppierung von Erdbahnhofsfreunden versucht, Stimmen zu fangen. Und wie immer: Wenn das die besten Argumente für den Weiterbau sind, dann gute Nacht!

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Die Plakatmotive gibt's frei zum Runterladen bei http://www.fuerstuttgart21.de/.

PS: Falls euer Interesse doch tiefer geht als „oben bleiben=ja, oben ohne = nein“, hier der Wortlaut der Frage und der Gesetzesvorlage, um die es geht:
„Stimmen Sie der Gesetzesvorlage 'Gesetz über die Ausübung von Kündigungsrechten bei den vertraglichen Vereinbarungen für das Bahnprojekt Stuttgart 21' (S21-Kündigungsgesetz) zu?“

Bin mal gespannt, wie viele Wahlberechtigte Baden-Württemberger diese Frage kapieren. Naja, wenn das Volk als Souverän hier direkt entscheiden soll, dann muss man ihm auch die Kompetenz zurechnen, zu verstehen worum es geht. Hier mal die Gesetzesvorlage, der man zustimmen kann, aber nicht muss:
Gesetz über die Ausübung von Kündigungsrechten bei den
vertraglichen Vereinbarungen für das Bahnprojekt
Stuttgart 21 (S 21-Kündigungsgesetz)
§ 1
Kündigung der Vereinbarungen
Die Landesregierung ist verpflichtet, Kündigungsrechte bei den vertraglichen
Vereinbarungen mit finanziellen Verpflichtungen des Landes Baden-Württemberg für
das Bahnprojekt Stuttgart 21 auszuüben.
§ 2
Inkrafttreten
Dieses Gesetz tritt am Tag nach seiner Verkündung in Kraft.

Es soll also darüber abgestimmt werden, die Mitfinanzierung von S21 durch das Land in Höhe von 824.000.000 Euro beendet werden soll. Wer besser verstehen will, um was es am 27. November geht, kann das hier auf einer einigermaßen neutraler Seite nachlesen: www.lpb-bw.de/volksabstimmung_stuttgart21.html.

http://aussteiga.de/

http://infooffensive.de/

http://www.fuerstuttgart21.de/

Samstag, 15. Oktober 2011

Rabatz in der Börsenstraße



In Stuttgart sind Demonstrationen mittlerweile en vogue, wenngleich nicht mehr so ganz wie vor einem Jahr. Der geplante Bahnhofsbau hat die Leute auf die Straße getrieben, der damalige Ministerpräsident Mappus hat sie in Rage gebracht und Fukushima hat den Atomkraftgegner in vielen geweckt. Morgen gibt's wieder eine Demo. Schon wieder? Was jetzt? Occupy Wall Street war der Auslöser. Die Wut auf Banker, die beim Zocken auf dem Finanzmarkt der Weltwirtschaft die Beine unter dem Arsch weggezogen haben, treibt derzeit weltweit Menschen auf die Straße, und so auch in Stuttgart. Genauer gesagt in die Börsenstraße, der Stuttgarter Version der Wall Street. Heute demonstrieren Menschen auf der ganzen Welt gleichzeitig gegen Gier und Korruption.



Das Problem: Der Gegner ist etwas diffus. Keiner kapiert so richtig was auf der Welt gerade wirklich abgeht, keiner hat eine Lösung parat, aber viele haben ein Gefühl: So nicht! Es gibt keine einfachen Parolen, das Problem lässt sich auch nicht ins alt hergebrachte Links-Rechts-Schema pressen, weil die Wohlhabenderen auch unter den Finanzkrisen leiden, wenngleich nicht existenziell. Was bringt es denn, einfach so auf die Straße zu gehen und allgemeinen Unmut auszudrücken, wenn man nicht einmal klare Forderungen stellen kann?

Nach der großen Finanzkrise, die durch den amerikanischen Immobilienmarkt ausgelöst wurde, mussten viele Banken mit Steuergeldern gerettet werden. Verluste wurden sozialisiert, während Gewinne zuvor immer privatisiert wurden. Um so etwas nicht noch einmal zu erleben, wurden große Änderungen in Aussicht gestellt, man wollte die Finanzmärkte stärker regulieren. Passiert ist nichts. Dafür haben die Banken gesorgt. Ihr Einfluss auf die Politik ist erschreckend. Kaum hat der Steuerzahler ihren Arsch gerettet, werden wieder Boni ausgezahlt, es wird fröhlich weiter gezockt, bis zur nächsten Krise. Im Zweifel gibt's ja Rettungsschirme. Offensichtlich fürchten Politiker die Banken mehr als den Unmut ihrer Wähler. So wurde zum Beispiel die Macht der Atomlobby erst gebrochen, als der Politik unmissverständlich klar gemacht wurde, dass man mit Atomkraft keine Stimmen mehr bekommen. Eben diesen Druck aus der Bevölkerung müssen sie spüren, wenn es um die Finanzmärkte geht.

Unser Unmut muss sichtbar werden. So sehr, dass ihn die Medien nicht mehr ignorieren können, das Politiker um ihre Macht fürchten müssen. In einer gesunden Demokratie muss die Bürgergesellschaft zumindest auf Augenhöhe mit den Lobbys sein. Wir haben keine Millionen, um Politikern Honig um den Mund zu schmieren, aber wir sind Millionen! Millionen von Wählern, die nicht mehr für die Selbstbedienungsmentalität des Finanzmarktes geradestehen wollen, die nicht mit zusehen wollen, wie wir ungebremst in die nächste Krise schlittern. Den am Ende sind alle Verlierer.

Es ist vielleicht etwas grob geschnitzt, den Investmentbanker als Feindbild hinzustellen und vor den Börsen Rabatz zu machen, aber was bleibt uns anderes übrig? Motzen ohne eine bessere Lösung zu bieten ist ja auch nicht so toll, aber was bleibt uns anderes übrig? Ich habe keine Ahnung von der Weltwirtschaft, weiß nicht, wie man aus dem Schlamassel wieder rauskommen kann. Man kann nicht einfach abschalten oder oben bleiben. Wie mir scheint, hat die Politik auch keinen blassen Schimmer, so komplett widersprüchlich ihre Ansätze sind. Das einzige, was ich mir wünschen kann ist, dass sie sich nicht von den Banken den Weg diktieren lassen, den die handeln nicht im Sinne des Allgemeinwohls. Und wenn ich dazu auf der Straße lärmen muss, damit der eine oder andere Politiker aufwacht, dann soll es so sein.

Fotos: Karin Rehm

Hier noch Puttes Senf zur Frage, warum man auf die Straße gehen soll:
>>Warum sollte ich am kommenden Samstag, den 15.10., auf die Strasse gehen?<<

Eine erste gute Grundvoraussetzung ist, dass du aller Wahrscheinlichkeit nach zu jenen 9 von 10 Menschen in diesem Lande gehörst, die politikerverdrossen sind. (Das ergab eine repräsentative Statistik, die vor einiger Zeit durch sämtliche öffentliche Medien ging.)

Und weil die Politik, als verlängerter Arm der Bürger, aus der Finanzkrise 2008 nichts gelernt zu haben scheint.

Egal wie alt oder jung du bist, welche Partei du wählst oder Nicht-Wähler bist, ob arm oder sogar reich - ein einigermaßen funktionierender Gerechtigkeitssinn sollte Voraussetzung genug sein, um diesen Unmut gemeinsam mit vielen anderen zu äussern. (Auch reichen und reicheren Menschen kann nicht gefallen, was gerade passiert, auch ihr Wohlstand steht auf dem Spiel.)

Am 15.10. werden Menschen in aller Welt aus u.a. diesen Gründen zusammen auf die Strasse gehen, um ein Zeichen zu setzen und um zu sagen: "Wir sind da und wir sind die meisten."

>>Was soll das bringen?<<

Wir haben mittlerweile bemerkt, dass die Politik oft nur dann in Bewegung gerät, wenn viele zusammen es schaffen mediale Aufmerksamkeit zu erlangen. Es gibt viele Wege, sich Ausdruck zu verschaffen. Gerade das Internet mit seinen sozialen Netzwerken trägt einen wichtigen Teil dazu bei.

Aber, und das hat uns die Geschichte gelehrt: Die Strasse ist und bleibt das eindruckvollste Mittel für eine mögliche gesellschaftliche Veränderung, die in der Bürgerschaft ihren Ursprung findet.

>>Dann stehe ich da unter Menschen, die Haltungen und politische Meinungen haben, die ich nicht gutheissen kann?<<

Ja, das wird passieren und ist letztlich nichts anderes als das positive Signal, dass man am kommenden Samstag den vielleicht seltenen Fall erlebt,

einen gemeinsamen Nenner mit sonst andersenkenden gefunden zu haben. Vielleicht heisst das für den einen oder die andere, einen inneren Schweinehund zu überwinden, um über den eigenen Schatten zu springen. Das alte Links/Rechts-Denken für ein paar Stunden beiseitelegen und schauen was passiert. Zu verlieren gibt es dabei nichts, zu gewinnen sehr viel mehr.

>>Ist das einfach nur "dagegen" oder gehts hier auch um ein "Für"?<<

Es geht um soziale Gerechtigkeit, soviel ist klar. Natürlich mag all das etwas diffuses und abstraktes mit sich bringen, aber das ist der Komplexität des Themas geschuldet und dem Moment, den wir derzeit erleben. Bevor unsere Gesellschaften neu verhandelt werden können, braucht es Empörung. Auch wenn die Motive der Einzelnen voneinander abweichen können, haben wir alle doch verstanden, dass es um eine Gerechtigkeit geht, die abhandengekommen ist: Banken sind völlig aus den Fugen geraten, Finanzjongleure sind von allen guten Geistern verlassen, etc. All das auf Kosten der Menschen in ihren jeweiligen Ländern. Dass das so nicht weitergehen kann, scheint den allermeisten klar.

Erst wenn wir uns hörbar machen, haben wir die Chance auf Mitsprache. Ich wünsche mir eine Neuverhandlung, die nicht nur lediglich von Politikern und Wirtschaftsleuten besprochen wird. Ich wünsche mir Psychologen, Soziologen, Künstler, Kommunikationswissenschaftler, Philosophen, etc. und selbstverständlich die Bürger selbst, die unsere Gesellschaft neu diskutieren. Es geht vielleicht um mehr als um "nur" um Begriffe wie Euro, Rettungsschirm und Finanzkrise, sondern auch um eine Ethik, abseits von Ideologien.

>>Dieses Revolutionsgerede stösst mich ab.<<

Es geht hierbei aus meiner Sicht nicht um eine Revolution, dieses Wort mag abschrecken und wiegt sehr schwer. Aber es geht um nichts Geringeres als um den Wunsch nach einer wirklichen Veränderung unserer Gesellschaft und die Frage, wie wir in Zukunft leben wollen. Und wenn die Politik es parteienübergreifend nicht schafft, ihren Wählern Vertrauen abgewinnen zu können, ist irgendwas faul. An diesem Punkt befinden wir uns, dazu brauchts auch keine Verschwörungstheorien.

>>Aber uns hier gehts doch gut!<<

Nicht nur Europa hängt zusammen, die ganze Welt tut es aufgrund der Globalisierung. Die Wirtschaft spielt dabei eine große Rolle.

Zu glauben, dass wir das mal eben schaukeln, während andere Länder um uns herum mehr und mehr ins Straucheln geraten, scheint nicht angebracht.

Es geht nicht darum, den Teufel an die Wand zu malen, aber es geht um Achtsamkeit. Und es geht schlussendlich auch darum, nicht immer nur an sich selbst und die Seinen zu denken. Da ist ein Tellerrand, über den es hinauszuschauen gilt. Ich bin hier schliesslich nicht alleine. Du?

Auf dieser facebook-Seite findest du die Städte Deutschlands, die sich am kommenden Samstag beteiligen:

https://www.facebook.com/notes/echte-demokratie-jetzt/aktuelle-demo-termine-echte-demokratie-jetzt/212633758769245

Mehr dazu:

http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,791349,00.html

http://www.sueddeutsche.de/politik/protestbewegung-occupy-in-europa-sie-sind-viele-und-sie-sind-wuetend-1.1162025-3

Demo in Stuttgart:

https://www.facebook.com/event.php?eid=275272769161270

https://www.facebook.com/event.php?eid=283525921666553

Mittwoch, 5. Oktober 2011

Gartenbilder







Die Ausstellung „Bilder aus dem Schlossgarten“ in „Unser Pavillon“ war wunderbar. Danke an die Fotografen Frank, Steff und Peter, an Karin vom Pavillon, an die Compagnia Sackbahnhof, die die Ausstellung mit ordentlich Musik angefeuert haben und an alle Gäste, die mit uns diesen schönen Abend gefeiert haben!

https://www.facebook.com/galerie.dora.asemwald

PS: Pandora Büchse war auch unter den Gästen, vielleicht seht ihr sie ja im Film.

 

 

 

 

 

 

Freitag, 16. September 2011

Bunt und laut!



Protest will wahrgenommen werden, drum muss er bunt und laut sein. Der drohende Stuttgarter Erdbahnhof hat die kreativen Geister jener geweckt, für die sich Fortschritt nicht in der Anzahl rollender Bagger misst. Im Laufe der Jahre hat sich eine Menge an Protestequipment angesammelt, vom Button bis zum historischen Wasserwerfer. Meine liebe Kollegin und Pavillonistin Karin, mit der ich meine letzte Ausstellung organisiert habe, hat beschlossen in eben jenem Pavillon im Schlossgarten die Ästhetik des Widerstands auszustellen. Doch braucht sie natürlich Exponate, damit die Ausstellung „Protest Equipment“ am 30.9. im Schlossgarten auch die Vielfalt zeigen kann, die wir in den letzten Jahren auf den Straßen gesehen haben. Also los, liebe Mutbürger, macht mit und bringt ab dem 24.9. eure Banner, Hüte, Jacken, Wasserwerfer, Tröten und anderes Gedöns zu „Unser Pavillon“ in den Schlossgarten!

http://www.unser-pavillon.de/

Montag, 12. September 2011

Ausflug auf's Land

Irgendwann, wohl dieses Jahr noch, soll wohl das ganze Land befragt werden, wo in Stuttgart in Zukunft die Züge fahren sollen. Mich fragt niemand, ob in Konstanz oder Künzelsau die Stadt auf links gedreht werden soll. Ehrlich gesagt: Es interessiert mich auch nicht. Ebenso wenig interessiert es den Münsinger, wie rum in Stuttgart die Gleise liegen. Auch wenn er dafür zahlen muss, wenngleich natürlich indirekt. Trotzdem wird er gefragt. Ob er antwortet oder nicht. Ob er von der komplexen Materie Ahnung hat oder nicht. Das doofe: Ein Drittel aller Wahlberechtigten, also 2,5 Millionen müssen gegen den Erdbahnhof sein, sonst geht die Wahl automatisch zu Gunsten des Milliardenprojektes aus. Auch wenn sich viel weniger dafür entscheiden. Demokratie geht anders.

Wir haben keine Chance. Nutzen wir sie. Sagen sich auf jeden Fall ein Haufen Erdbahnhofsgegner. Das gefällt mir! Sie wollen auf's Land ziehen und das dort hintragen, was dort zu diesem Thema verständlicherweise Mangelware ist: Information. An Infoständen im ganzen Land wollen sie mit potenziellen Wählern reden. Sie suchen auch noch Leute, die die Idee unterstützen und sich beteiligen wollen:

volksabstimmung-s21.org

Mittwoch, 31. August 2011

Zwischen den Zelten

Es wurde ja auch höchste Zeit! Das Brachliegen meiner Galerie war mir eh ein Dorn im Auge, jetzt hab wieder was am Start. Diesmal geh ich aus dem Haus, in den Stuttgarter Schlossgarten. Dort steht „Unser Pavillon“, der einst als Camera Obscura den Bahnhof abbildete, jedoch zum Veranstaltungs- und Ausstellungsort für den kreativen Widerstand gegen den angedrohten Erdbahnhof mutierte. Heute ist da immer was los, nette Freiwillige kümmern sich um Besucher, hören sich Schimpftiraden jener an, die lieber eine Baugrube als die Zelte im Park hätten. Genau der richtige Ort und die richtigen Leute, um eine schöne Ausstellung zu machen.

Ausgestellt werden Fotos von Peter Franck und Frank Bayh & Rosenberger-Ochs, die die Zeltstadt im Park dokumentiert haben.

Montag, 5. September um 19:30
Unser Pavillon, Mittlerer Schloßgarten, Stuttgart

https://www.facebook.com/frankundsteff
https://www.facebook.com/peter.franck1

https://www.facebook.com/event.php?eid=107044349400516
https://www.facebook.com/pages/Unser-Pavillon/115978998485163

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Samstag, 27. August 2011

Scheindemokratische Schützengräben

Wenn zwei sich nicht einig werden, dann muss man schlichten. Wenn man so tun will, als ob man die andere Partei verstehen wollte, dann spielt man Schlichtung und sorgt dafür, dass sie zu eigenen Gunsten ausgeht. Wenn nicht, dann nimmt man sie halt nicht ernst. Wenn die anderen den Braten riechen, bringt ihnen das ja nichts, denn wer will schon als unschlichtbar in die Ecke gestellt werden?

Beim Stresstest, dem Ende der Stuttgarter Schlichtung um die Zukunft von Stadt und Bahnhof war das Ergebnis ein Kompromiss, der natürlich sofort von den S21lern abgelehnt wurde, die Schlichtung wurde enttarnt, der Frieden nicht wieder hergestellt. Der Stellungskrieg geht weiter. Die Künstlergruppe Begleitbüro SOUP (Stuttgarter Observatorium für urbane Phänomene) hat das Thema aufgegriffen und in einer Installation ausgedrückt. In mitten des Orts des Geschehens, dem Schlichtungssaal, haben sie einen Denkmalentwurf platziert. Ein Sandsackpyramide, auf der das Streitobjekt wie eine Burg tront: der Stuttgarter Bahnhof. „Ergebt Eucht“ steht auf der Fahne, kein Kompromiss wird akzeptiert, nur Kapitulation.

[vimeo http://vimeo.com/28245358]

Am Montag den 29. August kann man die Installation zwischen 11 und 12 Uhr im vierten Stock des Stuttgarter Rathauses besichtigen.

Ich sehe in der Schlichtung eines von vielen Beispielen von Scheindemokratie, die dem Bürger offene und demokratische Prozesse vorgaukeln sollen, getreu dem Motto: Redet mit, und wenn's uns in den Kram passt, dann hören wir vielleicht sogar zu. Demokratische Feigenblätter gibt es zuhauf. Im Herbst sollen Bürger des ganzen Landes von Lörrach bis Schwäbisch Hall darüber entscheiden, ob Stuttgart einen neuen Bahnhof braucht. Und wenn zu wenige ihren Sonntag im Wahllokal verbringen wollen, gewinnt automatisch der neue Bahnhof. Aber man hat ja gefragt, alles ganz demokratisch. Bürgerbeteiligung ist erwünscht, wenn sie im klar abgesteckten Rahmen stattfindet. Und immer schön unverbindlich bleiben, damit man unerwünschte Ergebnisse unter den Teppich kehren kann.

Eine Frage drängt sich mir auf: Ist es richtig, an scheindemokratischen Prozessen teilzunehmen oder sollte man sie boykottieren? Ganz konkret: Soll man die Volksabstimmung verweigern und riskieren, dass das eigene Anliegen am Ende knapp unterliegt? Wie seht ihr das?

Alles was ich machen kann, ist wachbleiben und vor der einlullenden Wirkung unserer Scheindemokratie zu warnen, denn es ist bequem, sich dieser Lebenslüge hinzugeben. Viel zu viele nutzen sie als Alibi dafür, ihre kritische Haltung preiszugeben und vor der Macht eines veralteten Systems zu kapitulieren. Unsere lokale Presse hat alle Ansätze, die Geschehnisse kritisch zu betrachten in den Wind geschossen und stellt jene, die sich nicht das Hirn haben zukleistern lassen als schlechte Verlierer hin. Es ist bekannt, dass die Bahn durch Lug und Trug ihr Projekt durchgeboxt hat, aber kaum einer will sich mehr damit beschäftigen, weil dieser Betrug scheindemokratisch legitimiert wurde. Und man will ja nicht auf der Verliererseite stehen.

Bitte, liebe Bürger, bleibt wach! Lasst euch nicht einlullen. Es geht um eueren Lebensraum, um eure Stadt und euer Geld. Ihr müsst euch nicht gleich an Bagger anketten, aber bleibt zumindest kritisch, denn Demokratie lebt von mündigen und wachen Bürgern.

Film, Fotografie oben: Josh von Staudach, Fotografie unten: Andreas Mayer-Brennenstuhl.