Freitag, 19. April 2013

Pixel machen auch nicht satt

Frau Asemwald kocht

Eigentlich versetzt mich das Darbieten von frisch Gekochtem in Blogs und auf Pinwänden in Furcht und Schrecken. Knurrenden Magens schieb ich die Maus über den Bildschirm, der nichts besseres zu tun hat, als einem mittels visuellem Reiz die Speichel- und Magensaftproduktion in die Höhe zu treiben. Unzählige Megakalorien werden ins Netz gepumpt und treten den Katzenbildern in Konkurrenz. Das Schlimme daran: Pixel machen  nicht satt, nur der Gang in Küche oder Gastronomie hilft. Mal schauen, wann Foodblogs als signifikanter Faktor für Adipositas erkannt werden und nur noch mit Warnhinweisen veröffentlich werden dürfen. Ich bin froh, als Virtuelle den Folgen diesen fleischlichen Lasters nicht ausgesetzt zu sein.

Was treibt Leute - mich inklusive - dazu, den Blick in Topf und Teller der breiten Öffentlichkeit zu gewähren? Ist es die Zurschaustellung klassisch hauswirtschaftlicher Fertigkeit? Oder möchte man das Lebensgefühl der Bonvivants verbreiten und auf den eigenen ausgefeilten Geschmacksinn  aufmerksam machen? Schon eher. Nur wenige trauen sich ihr Toast Hawaii oder ähnlich Profanes zu publizieren. Es muss diffizil in der Zubereitung sein, ein halbes Küchenschnickschnack-Geschäft an Gerätschaften, die man regelmäßig von befreundeten Bonvivants zum Geburtstag beschert bekommt, müssen ihre Daseinsberechtigung erhalten. Man ist, was man isst. Und wer möchte schon das Image einer Currywurst verbreiten?

PS: Ich trage Teilschuld an der Foodifizierung des Netzes: Auch ich bin Miturheberin eines Kochblogs, bei dem derzeit jedoch der Ofen aus ist.

PPS: Cat content und Foodblogging könnte man auch kombinieren, würde aber für Empörung sorgen.

Mittwoch, 10. April 2013

Kunst, Kitsch und Dora.

Dora von MarianneManchmal stolpere ich beim Katzenbildsammeln auch über was Tolles. Wie zum Beispiel heute: Marianne hat mich mal wieder gezeichnet. Mit Katze und Fernsehturm. Das gibt meiner Laune 5 Gefällt-mirs. Es ist ja auch langweilig, immer nur vom selben gezeichnet zu werden, ich freue mich über jede neue Perspektive auf das dorische Wesen.

Ich ruf mal ganz dreist auf: Zeichnet mich! Als Virtuelle bin ich ja auf solch bildgebende Maßnahmen angewiesen.

Übrigens: Marianne zeichnet nicht nur, sie bloggt auch: http://www.kokelores.blogspot.de/

https://www.facebook.com/MarianneKreichgauerKokelores

Kokelores – Kunst, Kitsch und Katzen ist der Titel ihres Blogs, der noch verkatzter daherkommt als meiner. Und das will was heißen. Sie darf auch in der Wohnung zweier lebender Exemplare wohnen und hat die Ehre, ihnen die Dosen zu öffnen.

Hier hab ich schon mal was über Marianne geschrieben:
http://asemwald.wordpress.com/2011/04/21/rendevouz-mit-dem-wasserwerfer/

PS: Gibts heut mal keins.

Dienstag, 9. April 2013

Gepflegte Winterdepression im Spätwinterwald

fototapete

Es wird wärmer. Zwischen Regenwolken kann man schon manchmal die Sonne erkennen. Bald werden quitschbunte Blüten das ruhige graubraun der Natur durchbrechen. Wenn das so weiter geht ist es im Mai wohl rum mit dem Winter – und der gepflegten Winterdepression. Um die lästigen Frühlingsgefühle vor der Tür zu halten, habe ich jetzt was Neues ausgeheckt: Die Spätwinterwaldfototapete. Garantiert ohne lebensbejahendes Grün, keine Schatten, die Sonnenschein suggerieren könnten und eine Menge totes Laub. Einfach an die Wand kleistern und in die nasskalte Stimmung eintauchen. So übersteht man die drei Monate des Sommerlochs bis zum nächsten Herbst, ohne das Haus verlassen zu müssen.

Bei Interesse an dieser beklemmenden Tapete bitte bei mir melden, ich werde auch noch andere Motive entwickeln.

PS: Auf die Idee mit der Fototapete hat mich Polizeireporterin der Stuttgarter Zeitung Christine gebracht, die sich berufsbedingt mit den Übeln dieser Welt auskennt, aber auf keinen Fall zu diesen gezählt werden darf.

Montag, 8. April 2013

Für unsere Bosheit an die Pinwand genagelt

tardar-christDas Katzenbildverbreitungsnetzwerk Internet hat eine Königin: Tardar Sauce, besser bekannt als Grumpy Cat. Die zwergwüchsige Vierkurzbeinerin ist die Meisterin des grimmigen Dreinblickens, was ihre Fotos als perfekte Zutat für Bildchen mit dummen Sprüchen (sogenannte Meme) macht, die die Pinwände von Facebook und anderen Katzenverbreitungsplattformen wie Tumblr verstopfen. Grundthema der Grumpy-Cat-Meme sind schlechte Laune, Misanthropie, Hass auf die Welt, Tod und Teufel. Kurzum: Tardar steht sinnbildlich für alles Schlechte dieser Welt. Das arme Vieh wird an die Pinwand genagelt, um all die Boshaftigkeit der Menschheit auf sich zu nehmen. So was ähnliches ist schon mal mit unseren Sünden passiert ...

Grumpy Cat Meme selbst erstellen: http://www.quickmeme.com/Grumpy-Cat/

Klugschiss-PS: 

Meme wurden 1976 von Atheisten-Papst Richard Dawkins in seinem Buch „Das egoistische Gen“ beschrieben und als solche benannt (Wer Fegefeuer und Hölle nicht scheut, dem sei die Lektüre sehr empfohlen!). Im letzten Kapitel überträgt Dawkins seine zuvor aufgestellten Thesen auf Gedanken und Ideen, die ebenso einem evolutionärem Prozess unterlägen wie Gene, in dem er die drei Zutaten dieses Prozesses auf Kommunikation überträgt: Replikation, Mutation, Selektion. Gedanken werden beim Verbreiten repliziert, durch Übertragungsfehler mutieren sie, wie man vom Stille Post spielen her kennt und werden dann selektiert, in dem nur das weiter gegeben wird, was interessant oder lustig genug ist. Ein gutes Beispiel ist die Verbreitung von Witzen und Gerüchten.

Mit diesem Modell kann man die Entstehung von Kultur grob erklären, und wer darüber mehr wissen will, sollte Susan Blackmores Buch „Die Macht der Meme“ lesen, das eine ganz gute Einführung in die Theorie gibt.

Das Internet mit seiner dezentralen Netzstruktur ist ein idealer Nährboden für Meme. Internet-Phänomene wie Katzen- und Witzbilder, die sich viral, also sehr schnell und weit verbreiten und in unzähligen Varianten modifiziert werden, bezeichnet man auch als Meme. Das Grumpy-Cat-Mem ist ein derzeit sehr erfolgreiches Exemplar.

Literatur: 

Richard Dawkins: Meme, die neuen Replikatoren. In: Das egoistische Gen. (Original: The Selfish Gene. Oxford University Press, 1976). Jubiläumsausgabe 2007, S. 316–334. ISBN 3-499-19609-3.

Susan Blackmore: Die Macht der Meme. Heidelberg, Berlin: Spektrum Akademischer Verlag, 2000, ISBN 3-8274-1601-9.

Vortrag von Susan Blackmore über Meme:
http://www.ted.com/talks/susan_blackmore_on_memes_and_temes.html

Kurze Zusammenfassung: http://www.bertramkoehler.de/memetik.htm

Hier ein paar dorische Klugschisse dieses Blogs, die sich mit Memen beschäftigen und tief ins Reich des Hanebüchenen führen:

http://asemwald.wordpress.com/2008/06/10/dorische-lebensformen-im-el-dorado-der-immateriellen-realitat/

http://asemwald.wordpress.com/2008/09/10/reise-in-die-welt-des-ungesunden-menschenverstandes/

Meme, die grad rumgehen: http://knowyourmeme.com/

offizielle Grumpy Cat Seite:
http://www.grumpycats.com/

auf Facebook:
https://www.facebook.com/TheOfficialGrumpyCat

Freitag, 5. April 2013

Tardar Sauce wird heute ein Jahr alt.

Donnerstag, 28. März 2013

Hauptbahnhof womöglich für immer geschlossen.

 

 

Heut morgen mach ich mein Zeitloch auf und finde diesen schönen Artikel aus dem Jahr 2063. Offensichtlich werden wir auch in Zukunft die gleichen Probleme haben:

hauptbahnhof

Volle Windkraft voraus!

Fernsehturmkraftanlage 2

Klingt wie erster April, ist aber fünf Tage früher: Der Stuttgarter Fernsehturm soll aus Brandschutzgründen für Besucher geschlossen werden. Nach 57 Jahren ist irgend jemandem aufgefallen, dass der einzige Fluchtweg im Brandfall unzureichend sei, und dafür will natürlich keiner die Verantwortung übernehmen müssen. „ ... ich konnte nicht anders handeln, denn der Turm darf nicht zu einer Todesfalle für bis zu 200 Menschen werden“, so der neue OB Fritzle Kuhn. Hört sich verantwortungsvoll an. Doch was steckt wirklich dahinter?

Ich habe meine V-Leute im Rathaus ausgequetscht, die die Geschichte in ein ganz anderes Licht gerückt haben. Drahtzieher hinter der Maßnahme, da sind sie sich alle einig, ist die Windkraftmafia. Einem geheimen Papier zu Folge ist geplant, den Fernsehturm bis 2017 in eine gigantische Windkraftanlage zu transformieren. Da stören Besucher natürlich.

Dank eines größeren Sponsors aus der Region sollen übrigens die drei geplanten Rotorblätter von einem Ring umgeben und nachts beleuchtet werden.

Für ewiggestrige Zukunftsverweigerer gibt's schon ein Symbol für Demos, auch gut als Betroffenheitsfacebookprofilbildchen zu gebrauchen:

fernsehtumlogo

Freitag, 8. März 2013

Parkschildcouture

mastenpullover

Nach diesem Winter kein Wunder: Selbst Straßenschilder haben sich warm eingepackt. Hoffen wir mal, dass sie sich bald aus der Wintermode pellen und sich in leichteres Textil hüllen können. Bin mal auf die Sommerkollektion für Stoppschilder gespannt ...

Mittwoch, 6. Februar 2013

Bier und Blumen für die heilige Dora

Heilige Dora

Apropos Sexismusdebatte: Sexismus ist zwar eine hässliche, jedoch keine neue Erfindung. Schon vor 1.700 Jahren war ein Politiker (Stadthalter Apricus von Cäsarea) scharf auf ein junges Mädel (Dorothea), die ihn jedoch nicht wollte, da sie schon mit einem Virtuellen (Jesus von Narareth) verlobt war. Der Politiker spielte seine Macht aus, lies sie foltern und verurteilte sie zum Tode. Auf ihrem Weg zum Richtplatz spottete der am Wegesrand stehende heidnische Jurist Theophilus, er würde auch an Jesus glauben, wenn sie ihm ein Körbchen voller Rosen und Früchte aus dem Garten ihres Bräutigams brächte. Ein Engel erledigte die Besorgung, Theophilus wurde bekehrt – was Apricus erzürnte – und gemeinsam mit Dorothea enthauptet.

Dorothea wurde heilig gesprochen, Theophilus ging leer aus. Heute ist die heilige Dorothea Schutzpatronin der Gärtner, Blumenhändler, Bierbrauer, Bergleute, Bräute, Wöchnerinnen und der Neuvermählten. Ihr, und somit mein Namenstag ist heute, am 6. Februar. Mein Tipp des Tages: Blumen kaufen und Bier trinken, um die heilige Dora zu ehren.

Dienstag, 5. Februar 2013

Drohender Untod



Apropos Tod: Auch die Bundesregierung lehnt, wie heute in der Presse zu lesen, die Zahlung der Mehrkosten des Großwahnprojektes Stuttgart 21 für die Bahn ab. Ramsauer reicht eine Leiche im Keller, und die liegt in Berlin. Alternativen sollen geprüft werden, so die Regierung. Kein Wunder, die Kosten explodieren schon im Milliardenbereich, bevor so richtig losgebuddelt wird. Das Todesurteil: Unwirtschaftlichkeit – ein Schreckgespenst,  gefürchteter als mangelnder Brandschutz oder Rückbau der Kapazität. Weder Stadt, Land noch Bund sind bereit, die Kosten in unbestimmter Höhe zu decken. Stuttgart 21 ist tot. Es hat den Löffel abgegeben, ins Gras gebissen oder ist – ganz pietätvoll – einfach entschlafen.

Es reichen Grundkenntnisse der Zombologie um zu wissen, dass Tote nicht ruhen. „If there is no room in hell, the dead will walk the earth.“, ein schönes Zitat aus Dawn of the Dead von George Romero inspiriert die Phantasie der Tunnelparteien unseres Gemeinderats, die sich gestern in einer Resolution dazu bekannt haben, weiter am Zombiebahnhof festzuhalten. Laut ihnen gäbe es keinen sachlichen Grund, das Projekt weiter zu verzögern oder gar zu verhindern. Ich bin mal gespannt, mit welchem Voodoo-Zauber sie die Finanzierung des Milliardengrabs ermöglichen wollen. Es muss wahrlich große Liebe für das Genre des Zombie- und Endzeitfilms sein, die sie dazu treibt, Stuttgarts Herz durch Bauruinen vernarben und blutige Wunden in den Haushalt reissen zu wollen.

Mir fallen dazu ein ganzer Haufen grusliger Verschwörungstheorien ein, die erklären, wie die Mehrheit des Gemeinderats vom Wahn besessen oder vom Teufel geritten werden. Ich plädiere dafür, einen Exorzisten ins Rathaus zu schicken und mit den Spuk ein Ende zu setzen, damit die Toten endlich zur Ruhe kommen.

PS: Geforderte Alternativen können wir schnell bedienen: Loch 21

PPS: Soeben in den Nachrichten: Ramsauer auch von Zombieseuche befallen, er hat alles dementiert. Der Bund stünde voll und ganz hinter dem Zombiebahnhof. Wer ihn bezahlen soll, hat er aber leider nicht rausgerückt.

PPPS: Habe soeben erfahren, dass Claus Schmiedel die Zombieseuche verbreitet hat.

Dienstag, 22. Januar 2013

Nur im Notfall Ruhe bewahren

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Nur im Notfall: Ruhe bewahren. Schöne Aufforderung dazu, in Nichtnotfallsituationen auf keinen Fall die Ruhe zu bewahren. Gleitet der Aufzug geschmeidig von Stock zu Stock, scheint Unruhe durchaus erwünscht zu sein. Ich verallgemeinere das mal auf den Rest des Lebens: Ruhe ist ein wertvolles Gut, welches man sich für Notsituationen aufbewahren, jedoch nicht im Alltag vergeuden soll. Gleiches gilt dem Befolgen von Anweisungen. Ich werde das mal ausprobieren und rastlos renitent durchs Leben marodieren, bis mir der nächste Notfall über den Weg läuft.

Sonntag, 16. Dezember 2012

Don't be a maybe

Pulp-Dora-rauch-

Heute hat mir eine Freundin erzählt, die EU wolle Mentholzigaretten verbieten. Menthol würde die Zigarette für Einsteiger geschmeidig machen und wäre somit verführerisch für jene, die mit dem Rauchen liebäugeln, jedoch Lungenbrecher wie Gitanes fürchteten. Im selben Zuge sollen Zigaretten eine Mindestdicke von 7,5mm haben, was das Aus für die Damenzigarette wäre.

Das hört sich nach einen klaren Schritt zu „Wenn schon, denn schon“ an und geht wie immer nicht weit genug. Cocktails versüßen den beissenden Geschmack des Alkohols und werden als erstes verboten. Bier und Wein? Viel zu süffig, klarer Fall von Abschaffen. Wer Alkohol will, soll bitte nicht unter 40% anfangen. Nur was ordentlich brennt, darf sich der angehende Alkoholkonsument in den Rachen schütten. Endlich werden auch alle Light-Produkte aus den Regalen verschwinden, die Vollmilchpflicht wird eingeführt und Wurst bekommt einen Mindestfettgehalt. Sportwägen dürfen keine Stoßdämpfer mehr haben und Fahrassistenzsysteme wie ABS kommen ebenso auf die schwarze Liste wie kleinkalibrige Waffen. Rote und blaue Skipisten werden gesperrt, im Schwimmbad wird nur noch das 10m Sprungbrett geöffnet. Und nicht vergessen: Kondome erleichtern den Einstieg in die Promiskuität – also weg damit! Aller Anfang ist hart, und wer sich selbst zerstören will, soll es bitte mit Schmackes tun. Das Europa der Zukunft ist nichts für Unentschlossene. Wie Marlboro schon in vorauseilendem Gehorsam wirbt: Don't be a maybe.

PS.
Altkanzler Schmidt wird wohl sein Plädoyer, welches er beim letzten Parteitag für die EU gehalten hat, im Halse stecken bleiben. Es sei denn, für ihn gibt es eine Sondermentholgenehmigung. Ansonsten bleibt ihm nur das Auswandern ins zukünftige Menthol-Mekka Schweiz.

Freitag, 9. November 2012

Gestochene Identität



Ob ich wohl tätowiert sei, das fragt sich der eine oder andere wohl. Ich halte es da wie Schrödingers Katze: Vielleicht bin ich's, vielleicht nicht. Erst wenn ich hinschau, entscheidet sich das. Der Sinn und Zweck eingestochener Bilder, Muster und Geweihe ist ja ein ur-fleischiger. Man dekoriert sich ja nicht nur neu, man verändert sein physisches Wesen, transformiert seine Inkarnation. Im Gegensatz zu Make-Up ist das permanent. Eben diese Permanenz geht uns Virtuellen ab. Wir könnten jedes unliebsame Hautdekor einfach abschminken, ohne dabei zum Laser greifen zu müssen. Die Gnade des Photoshops ist uns Virtuellen vorbehalten.

Virtuelle können trotzdem nicht unbesorgt durch die Gegend mutieren, wie sie es gerade wollen. Unser Erscheinungsbild definiert wie bei Fleischlingen einen großen Teil unserer Identität, macht uns schnell wiedererkennbar. Ohne die Konstanz eines gewachsenen Körpers ist unser Aussehen eine recht abstrakte Sache, die Verlockung, uns zu verändern groß.  Da gilt es aufzupassen: Was den Fleischlichen ihre Körper sind, sind uns unsere Erkennungsmerkmale. Sei es Donalds Matrosenanzug, Popeyes Unterarme oder meine Augenbrauen. Wir leben in den Köpfen anderer Menschen und definieren uns über ein paar wenige Attribute, den Rest muss unsere Persönlichkeit auffüllen. Verändern wir uns zu radikal, verliert unsere Identität an Konstanz und kann sich dabei sogar auflösen. Die Möglichkeit sich stets neu erfinden zu können ist auch gleichzeitig eine gefährliche Versuchung. Es gilt, den Kern unserer Identität zu bewahren, ihn wie eine Tätowierung zu tragen, ihn mit Bedacht zu erweitern, und wenn verblasst, auch mal nachzustechen. Und wenn's mal ganz doof wird, kann man ja auch mal was weglasern.

Donnerstag, 8. November 2012

Biss zum Lesergrauen



Heute bin ich mal vampirisch drauf, denn Dracula-Erfinder Bram Stoker feiert seinen 165. Geburtstag. Vampire sind die Lieblings-Untoten der meisten Mädchen, Buben bevorzugen Zombies. Vampire können jedoch mehr: Sie verhelfen auch erbärmlicher Literatur zu hohen Auflagen! Kaum verführt ein düster-schöner Blutsauger ein unschuldig Mädlein, werden Leserinnenknie weich. Vielleicht sollte ich mein Geschreibsel hier auch mal vampirisieren (im englischen gibt's ja die tolle Bezeichnung „to vamp up“, was so viel wie aufmotzen heißt) um meine „Zielgruppe zu erweitern“. Dann noch 'ne ordentliche Portion SM mit rein (Ein schlagkräftiges Argument für mehr Kundenbindung!), und fertig ist der Verkaufsschlager! Da stört es wahrscheinlich die Leser nicht mal mehr, dass ich meine Sätze durch geklammerte Einwürfe niederer Relevanz zerhacke. Hauptsache Blut und Dominanz.

Mich nerven die düsteren Fürsten jedoch gewaltig – jenseits von Graf Zahl können die mich mal am Allerwertesten beissen. Mein Narzissmus würde unter der Spiegelbildlosigkeit entschieden leiden. Mich wundert es auch, wie die Vampiras dieser Welt ihr düsteres Make-Up so ganz ohne Spiegel sauber hinbekommen. Und fortan ohne Knoblauch zu (un)leben ist denkbar, aber nicht wünschenswert. Als Werwölfin müsste ich mich mit solchen Problemen nur einmal pro Monat rumschlagen. Zum Glück bin ich Werkatze.

Mehr zum Thema Vampirismus und dessen Derivat Halbvampirismus:

http://asemwald.wordpress.com/2007/09/04/schlaue-erkenntnisse-zur-vampirologie/

http://asemwald.wordpress.com/2007/09/05/schwarzebohnenknoblauchsose-schutzt-vor-halbvampiren/

http://asemwald.wordpress.com/2007/10/13/pflanzensaft-fur-halbvampire/

Mittwoch, 7. November 2012

Analoge Katze, Mensch und Wald

[caption id="attachment_7742" align="aligncenter" width="584"] Fotograf Calin Kruse, komplett unanalog mit Telefonkamera aufgenommen. Foto: mz[/caption]

Gleich eine Woche, nachdem Peter Franck sein Atelier GLÜCKLICHUNDSCHOEN eröffnet hat, kommt schon die erste Ausstellung. Calin Kruse, der Herausgeber des wunderbaren dienacht-Magazins, das halbjährlich eine feine Auswahl an zeitgenössischer Fotografie und Illustration darbietet, zeigt eine Serie seiner eigenen Bilder. Schwarz-Weiß. Analog. Spontan. Roh. Bisweilen sogar sexi. Thea und ich sind mal hingegangen und haben uns das vor Ort angeschaut.

[caption id="" align="alignnone" width="670"] Knie beim Rasieren geschnitten und dann aufgekratzt. Foto: Calin Kruse[/caption]

So wurde die Ausstellung angekündigt. Sehr poetisch, damit die Worte mehr als nur ein tausendstel Bild zu sagen haben:
No Real Time Info Available

vorsichtige Tritte auf zerbrochenem Glas, tappend durch die Nacht, sich ins Nichts vortastend

gebannt starren, sich spüren, und wittern

losgelöst, und wach

umgeben von wattiger, kühler Dunkelheit und Rausch und Neugierde und sanfte Bedrohung

durch klebrigen Staub und modriges Holz und spitzhackiges Gestrüpp und feuchte Erde und knirschende Steine

und die Dunkelheit, immer wieder die Dunkelheit.

[caption id="" align="alignnone" width="500"] Foto: Calin Kruse[/caption]

Calin weiß, wie man sich im Netz verbreitet: Ein Katzenbild hat sich in die ansonsten eher von Modell Dafna Lazorrovitz dominierten Bilder geschlichen.

[caption id="" align="alignnone" width="670"] KATZE! Katzenfoto: Calin Kruse[/caption]

[caption id="" align="alignnone" width="670"] WALD! Calin Kruse erfreut uns mit einem schattigen Waldbild.[/caption]

Am besten schaut ihr euch die Bilder vor Ort an, sie hängen noch ein paar Tage bei Peter Franck im Altelier.

[caption id="attachment_7767" align="aligncenter" width="584"] Fotograf und Nichtgalerist aber Aussteller Peter Franck. Das am Abend geschossene Foto von Peter sah nicht so prima aus, sodass ich einfach ein Selbstporträt von ihm genommen hab.[/caption]

Atelier glücklichundschön
Rotebühlstrasse 109a
70178 Stuttgart

www.gluecklichundschoen.de

http://www.peterfranck.de/

Wer es nicht mehr dort hin schafft, schaut sich die Bilder im Netz an:

http://cargocollective.com/calin/No-Real-Time-Info-Available

https://www.facebook.com/media/set/?set=a.260134954091779.48120.100002858286267&type=3

http://cargocollective.com/calin

[gallery link="file" order="DESC" columns="1" orderby="title"]

PS:


Das dienacht-Magazin lohnt sich, es zu besorgen. Es ist klein, fein und macht nicht arm.

[caption id="" align="alignnone" width="500"] dienacht, das Magazin von Calin Kruse. http://www.dienacht-magazine.com/[/caption]

Sonntag, 21. Oktober 2012

Nein zur Demo-Maut!



Kürzlich habe ich auf meiner Pinwand in Facebook einfach mal behauptet, der Stuttgarter OB-Kandidat Turner wolle eine Demo-Maut von 6,10 € einführen. Kann man ja mal dreist behaupten – Behaupten ist ja schrecklich en vogue, zumindest was Turners eigenen Wahlkampf angeht. Ein Kommentator meiner Behauptung mochte die Idee, er forderte die Maut für „Demonstranten welche sich im Geschäft krank melden ohne Grund und keine echte Meinung zu dem Thema der Demonstration haben!!!“. Da wir unsere plutokratische Grundordnung vor Bürgerwillkür schützen müssen, plädiere ich für die Schaffung der Demokratie-Maut!

  • Demo-Maut: € 6,10. Zuschlag für Plakat: € 12,20, Trillerpfeife: € 15,40, Vuvuzela: € 32,60,  Schwabenstreich: €3,20 Zuschlag. Montagszuschlag:60%

  • Infoblätter auf Demos: € 12,30 pro aufgelistetem Fakt. Haltlose und erlogene Fakten sind von der Maut befreit.

  • Wahlkampf-Maut: € 610,– pro Behauptung. Hanebüchene Behauptungen sind um  bis zu 80% reduziert. Instrumentalisierte Kinder geben 30% Rabatt. Verwendung lokaler Backwarenspezialitäten auf Werbemitteln: 20% Rabatt.

  • Die Freistellung von der Maut für wirtschaftsrelevante Kandidaten ist ja wohl selbstverständlich!

  • €12,80 Sozialromantiker-, Öko-Spinner- und Gutmenschen-Maut

  • Sinnlose Forderungen wie Brandschutzkonzepte, Baugenehmigungen, Einhaltung von Kostenrahmen werden mit € 6.100,– Fortschrittsfeindlichkeits-Maut belegt.

  • € 61,– Bürgerbeteiligungs-Maut

  • Wahlmaut: je weiter unten das Kreuzchen, desto teurer wird's


Nette Zusammenfassung Turners Wahlkampfaussagen gibt's in der Stuttgarter Zeitung: http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.stuttgarter-ob-wahl-streit-um-city-maut-und-parkgebuehren.811878d2-61e8-40cb-b1f5-da5c54af2aa5.html.  Meisterhaft in Behaupten hanebüchener Theorien, da kann selbst ich mir eine Scheibe von abschneiden: http://www.keinecitymaut.de/

Samstag, 20. Oktober 2012

Mahlzeit!

In der Kantine von Disneyland ...

Apropos Kantine, die die innerbetriebliche Aufnahme von mittäglichen Nahrungsmittel spaltet die Angestellten in zwei unvereinbare Lager: Jene, die den außerhalb der Arbeitswelt unbekannten Gruß „Mahlzeit!“ um sich werfen, und jene, die sich fürchterlich darüber echauffieren und schlaumeierisce Repliken auf Lager haben, die ich hier nicht beschreiben will. Wer's nicht kennt, sollte sich mal in irgendeiner Kantine unter die Arbeiter stellen und Feldforschung betreiben.

Als alte Rebellin setz ich mich mal in den unbevölkerten Raum zwischen den Stühlen, sage  nicht Mahlzeit, finde es aber voll okay, wenn's andere tun.

Freitag, 19. Oktober 2012

Donnerstag, 18. Oktober 2012

Stummer Schwimmer im Wohnzimmer



Konzerttipp für heute: Guy Dale. Ein Mann, eine Gitarre. Und tonnenweise Ausstrahlung. Heute Abend führt ihn seine endlos scheinende Tour durch Europa in den Ausschank Ost.  Klare Ansage: Hingehen! Ich könnte hier jetzt Megabytes an Musikjournalistengeschwurbel verbreiten, mal angesehen davon dass ich keine Ahnung hab, wo man Guy auf der endlosen Karte der Musik einordnen solle, drum folge ich der alten Weisheit: Ein Youtube-Video sagt mehr als 1000 Worte. Aber bei weitem nicht so viel, wie es live zu erleben.

[youtube=http://www.youtube.com/watch?feature=player_embedded&v=2eksDkgMNOU]



Vorgestern hat Guy übrigens bei einem Freund im Wohnzimmer gespielt und die Gäste in schweigsame Ehrfurcht versetzt. Jedes seiner von wilden bis entspannten Lieder durchlebte er auf der „Bühne“ und zog damit alle in seinen Bann. Da kam mir nur ein englisches Wort in den Sinn, dass sich nicht adäquat übersetzen lässt: intense. Das Konzert war mal so richtig unplugged, selbst das Licht kam ganz oldschoolig aus der Kerze. Der Ausschank Ost verspricht ähnlichen Wohnzimmercharakter, wenngleich mit wilderer Tapete.

Es lohnt sich übrigens auch, den Texten zuzuhören, die sind schlau. Packt die Gelegenheit und lernt Guy kennen, ein durchaus interessanter und sympathischer Bursche, der was  zu erzählen hat, und richtet ihm Grüße von mir aus!

Wer heute keine Zeit hat, kann ja mal im Netz schauen:

http://www.guydale.com/
https://www.facebook.com/muteswimmer
http://www.myspace.com/guydale

[youtube=http://youtu.be/JO2DPDoHfLA]

Samstag, 13. Oktober 2012

Turners wutbürgerliche Wahlhelfer



Vor dem Stuttgarter Rathaus drängen sich die Leute. Ein Meer aus Plakaten und Protestschildern flutet den Marktplatz. Vor der dort aufgerichteten Bühne sitzen im abgesperrten Bereich Mitglieder der altkonservativen Parteien und warten. Plötzlich dröhnen wilde Rhythmen über den Platz, ein Konzert aus Trillerpfeifen und Gebrüll versucht dagegen anzustinken, als sich die Menge teilt und der „Star“ des Nachmittags in schwerem Geleit durch die Menge zur Bühne schreitet: Mutti kommt! Angela Merkel unterstützt den parteilosen OB-Kandidaten Sebastian Turner in seinem Wahlkampf. Wie die Prognosen stehen, droht die erste Landeshauptstadt in die Hand eines Grünen zu fallen, und dass nachdem sie schon den Ministerpräsidenten stellen. Aus CDU-Sicht ein Gau, bei dem Mutti persönlich eingreifen muss. Es fängt an, wie aus Eimern zu schütten, Schirme verdecken jegliche Sicht auf die Bühne, als jemand anfängt zu reden. Um mich herum wird gelärmt (Lügenpack! Lügenpack!), sodass ich auch nicht hören kann, wer da was von sich gibt. Die Stimmung ist verbittert und aggressiv, die letzten Nachrichten über den Bau des Erdbahnhofs sind Thema vieler Plakat: Zugentgleisungen und ein nicht erfülltes Brandschutzkonzept, was seit der Schlichtung eigentlich niemanden überraschen sollte.







Ich suche einen besseren Platz um zu verstehen, was da vorne passiert. Turner hat das Mikrophon ergriffen und redet mit lauter Stimme gegen den Lärm an. Nach dem üblichen Geschwalle über die Wichtigkeit der Bildung als Zukunftsweg, die wohl jeder Kandidat in seinem Programm stehen hat, aber trotzdem keiner in die Hand nimmt, schießt er sich auf Kuhn ein, dem er unterstellt, mit der Citymaut dem Bürger an die Freiheit und an's Portemonnaie zu gehen. Eins ist klar: Sein Wahlkampf hat den Namen Kampf verdient. Er baut auf die Furcht der Leute, ein Grüner würde Stuttgarts Wirtschaft und somit Wohlstand und Arbeitsplätze ruinieren und die Freiheit der Bürger eindosen. Wahlkämpfe, bei denen Furcht vor den anderen geschürt wird, sind mir zuwider.

Merkel übernimmt. Ihre etwas leisere Stimme geht wieder im Lärm unter, ich verstehe bruchstückhaft etwas von Zukunftstauglichkeit, Bahnprojekt, Wirtschaft und so. Am Ende erklingt die deutsche Nationalhymne, um zu unterstreichen, dass sich hier niemand geringeres als DIE Bundeskanzlerin für Turner ausgesprochen hat. Ende der Veranstaltung. Die einen packen ihre Transparente ein, die anderen empören sich über die Schande für Stuttgart, die Kanzlerin in dieser Form empfangen zu haben.

Für Turner scheint es ein gelungener Tag. Das Schreckgespenst der renitenten Wutbürger, die die Zukunft der Stadt sabotieren wollen, hat sich selbst an die Wand gemalt. Die Medien berichten über die Protestbewegung, die nicht bereit ist zuzuhören und ihrer Wut freien Lauf lässt. Das bringt die Stimmen jener, die von der Protestkultur die Nase voll haben.

„Der haben wir gezeigt, dass sie in Stuttgart nicht willkommen ist!“, sagt ein anderer Marktplatzbesucher zu mir. Ich frage mich, was das bringt? Ausgebuht werden gehört zum täglichen Programm in ihrer Position. Müssen wir ihr (oder vielleicht auch uns selbst) vor Augen führen, dass es immer noch Demonstranten in Stuttgart gibt? Wenn es etwas gibt, was sie wirklich trifft, dann ist es das Wahlergebnis von Turner, der kaum Aussichten hat, die grüne Gefahr zu bannen.

Mir war von vornherein klar, dass es sich viele nicht entgehen lassen, der Kanzlerin mal persönlich die – bestimmt durchaus berechtigte – Wut ins Gesicht zu brüllen, doch denke ich dabei auch an das Bild, dass wir Bahnhofsgegner dabei abgegeben haben. Es ist absolut okay, eine miese Rede mit Buh-Rufen statt Beifall zu quittieren, aber man sollte schon dem zuhören, was man verurteilt. Diesen Respekt sollte man auch seinem politischen Gegner zollen. Wie können wir die mangelnde Dialogbereitschaft der Regierung anprangern, wenn wir selbst alles niederbrüllen? Wir brauchen uns nicht zu wundern, wenn die Sympathien der Bevölkerung für die Protestbewegung durch solches Verhalten weiter schwinden. Das wollte Turner, und das hat ihm sein Publikum willfährig erfüllt. Der „Widerstand“ darf sich nicht unfreiwillig zum Wahlhelfer Turners machen. Auch wenn es verdammt gut tun mag, mal die Sau raus zu lassen. Protest ist kein Selbstzweck, er sollte einer Sache dienen. In diesem Fall hat er Turner gedient.

Kurzer Einwurf: Ich möchte mal darauf hinweisen, dass das dort geballte Wutbürgertum nicht repräsentativ für alle Bahnhofsgegner und Turner-Kritiker steht, auch wenn die Medien dieses Bild zeichnen werden.

Mir hätte es besser gefallen, hätten Turner und Merkel in Ruhe ihre Reden halten können. In seine Angriffe auf Kuhn wirkt Turner unsouverän. Wer wirklich was auf dem Kasten hat, muss sich nicht über das Abwerten anderer positionieren. Sein aggressiver Wahlkampfstil schreckt mich ab. Dass er jetzt den Bahnhofsstreit für seinen Wahlkampf instrumentalisiert  (gegen grüne Verschleppung und Mehrkosten ...), widerspricht seiner Ansage, den „Krieg“ in der Stadt beenden zu wollen. Noch besser hätte mir gefallen, Frau Merkel hätte allein vor den geladenen Gästen geredet und der Platz wäre ansonsten leer gewesen.

Am Sonntag in einer Woche wird Stuttgart zeigen, ob sein Wahlkampf aufgegangen sein wird. Insgesamt war die Veranstaltung so hässlich wie das Wetter, für Muttis Gäste wie für die Protestbewegung.