Donnerstag, 4. Oktober 2012

Roboter und Trim-Dich-Pfade



Diesen Sonntag: OB-Wahl in Stuttgart, erster Wahlgang. Egal ob an Laternenmasten oder in den Medien, der Wahlkampf geht in den Endspurt. Es scheint, es gäbe nur vier Kandidaten: Kuhn, Turner, Wilhelm und Rockenbauch. Genauer gesagt gibt es vier Kandidaten, die Werbebudgets haben. Die restlichen neun gehen unter. Das die Medien Weltkriegsbeschwörern wie Ossenkopp (BüSo) und Komödianten wie Markus Vogt alias Häns Dämpf (Die Partei) nicht so viel Platz einräumen wollen, kann ich ja verstehen. Aber es gibt auch ein paar Übersehene, die es mit ihrem Kandidatentum durchaus ernst meinen, die waschechte Programme haben, die sich nicht hinter denen der „großen Vier“ verstecken müssen. Ich finde es grundsätzlich bekloppt, in welchem Maße Geld demokratische Prozesse lenkt, weshalb ich hier mal den Blick auf den parteilosen Dr. Ralph Schertlen lenke, der nicht durch Dauerbegrinsung vom Straßenrand, sondern durch sein Programm mein Interesse geweckt hat. Seinen handgestrickten Werbemitteln sieht man an, dass hier kein Wahlwerbeprofi am Werk ist, sein Hirnschmalz hat der Kandidat offensichtlich eher in den Inhalt seines Programms gesteckt.







Schwäbisch, bodenständig, ideologiefrei, fortschrittlich und ehrlich, so charakterisiert sich der gebürtige Bad Cannstatter selbst. Klingt nicht gerade glamourös, aber was sagt die alte Schwabenweisheit? Wir können alles außer Glamour. Oder so ähnlich. Als Chef einer Verwaltung mit 20.000 Menschen ist Extravaganz nicht die geforderte Kernkompetenz. Ideologie hat schon Karl Marx als „Gebäude, das zur Verschleierung und damit zur Rechtfertigung der eigentlichen Machtverhältnisse dient“ erkannt, brauchen wir also auch nicht. Fortschrittlich? Hilfe! Gern genutztes Schlagwort zur Verschleierung und Rechtfertigung von Großprojekten. Schertlen ist – urschwäbisch! – Ingenieur, und er erkennt die Bahnhofstieferlegung als Rückschritt, hat dafür viel interessantere Ideen wie die Nord-Ost-Umfahrung Stuttgarts. Wie alle anderen hat er eingesehen, dass unsere Stadt nicht alleine auf die Autoindustrie setzen kann. Er bevorzugt Roboter. Robotik hört sich nach Science Fiction an, ist es aber nicht. Es ist Zukunft. Fortschritt bedeutet für Schertlen bessere Bildung, nicht noch mehr Bagger und Kräne. Als alter Sportvereinsmeier will er den Breitensport fördern, Trimm-Dich-Pfade intakt halten, Turnhallen reparieren und somit was für Körper und Geist der Bürger bieten. Und der Röhre will er eine neue Heimat geben! Keine große Vision, aber eine umsetzbare. Gefällt mir, um's mal in Facebookdeutsch zu sagen.

Was ich richtig klasse finde, ist seine Idee des „1000 Akkuschrauber-Programm“, bei dem Jugendliche gemeinsam sich in ihrem Stadtviertel einbringen können, Skateboard-Rampen bauen und dergleichen. Wenngleich er keine Chance hat, gewählt zu werden (was für alle außer Turner und Kuhn meines Erachtens gilt), fände ich es schön, wenn sein Programm wenigstens mal angeschaut werden würde und die eine oder andere Idee aufgegriffen würde. Demokratie lebt wie gesagt von Vielfalt, Ralph Schertlen liefert ein bislang wenig beachteten Beitrag dazu.

schertlen.de

PS: Hoffentlich steinigen mich jetzt nicht die Kollegen von der Oben-Bleiben-Front, wenn ich über Alternativen zu Hannes Rockenbauch schreibe. In meiner Protestbewegung ist Vielfalt erlaubt, und ich fürchte auch nicht, dass Underdogs wie Schertlen und Loewe dem „Widerstand“ an Schlagkraft rauben. Für mich gilt im ersten Wahlgang: Alles ausser Turner! (und Ossenkopp, der zum Glück keine Chance hat).

Wem schwäbische Sekundärtugenden Angst machen und wer's lieber ein bisschen „alternativ“ haben will, sollte sich Jens Loewe anschauen:

http://www.jens-loewe.de/