Montag, 25. Juni 2012

Wenn dir was nicht passt, schneid es ab!



„Liebe Autofahrerin, lieber Autofahrer. Ich hab ihre Nationalfahne entfernt. Egal aus welcher Motivation sie diese Fahne angebracht haben, sie produziert in jedem Fall Nationalismus.“ ist auf einem Zettel zu lesen, der an den Überresten einer Deutschlandfahne am Wagen meiner Freundin hängt. Ihr zehnjähriger, fußballfiebriger Sohn hat sie dort angebracht. „Diese Fahne steht nicht für Fußball oder irgend ein Team, sondern für deutsche Identität.“ Offensichtlich hat der oder die selbsternannte AnfängenwehrerIn nur deutsche Fähnchen im Visir. Italienischer oder spanischer Nationalismus scheinen wohl weniger gefährlich zu sein. Wurden bei zweiländrig beflaggten Autos dann nur die deutschen Fähnchen entfernt? „Mit nationalen Symbolen wie diesem Autofähnchen wird eine ‚nationale Gemeinschaft‘ konstruiert, also die eigene Identität betont und damit Nationalismus erzeugt.“ Was noch viel mehr Gemeinschaft erzeugt, ist ein gemeinsamer Feind der eint. Zum Beispiel jemand, dessen eigene Freiheit nicht da enden will, wo die Freiheit des anderen beginnt und dies mit Sachbeschädigung zum Ausdruck bringt. Utilitaristisch betrachtet könnte man ja gutheißen, dass dieser Vandalismus zur Reflektion über die Gefahren des Nationalismus führt. Ob der Sohn meiner Freundin fortan „Nein zu Deutschland“ sagt, wozu der Zettel des weiteren auffordert, wage ich jedoch zu bezweifeln.

Bei der erwünschten Reflektion kommt mir in den Sinn, dass von allen Symbolen, die Gruppenzugehörigkeit fördern, Gefahr ausgeht. Sie führen zu Ismen und Ideologien, die allesamt für viele Menschen fatale Konsequenzen haben können. Darf ich einem Antifa-Aktivisten die Buttons vom Revers reissen, da sie kommunistisches Gedankengut verbreiten und ihm anstelle dessen ein Pamphlet über die Gefahren politischer Ideologien hinhängen? Darf ich Obenbleibenkleber von Autos kratzen, weil sie eine Wutbürgergemeinschaft erzeugen? Wer gibt mir das Recht, über die Identitätsbildung anderer zu urteilen? Welche Symbole sind erlaubt, welche verwerflich? Mich würde interessieren, was der anonyme Verfasser dieses Zettels dazu zu sagen hat, woher er seine Legitimation nimmt, über zur Schau getragene Symbolik zu urteilen. Was wäre wenn jeder nach dieser Maxime handeln würde? Ein kollektiver Bildersturm, der die Welt von jeglicher Symbolik befreit? Eine Welt, in der jeder das Recht hat, die Meinung anderer zu vandalieren? Wenn dir was nicht passt, schneid es ab!  Ist es das, was der Sohn meiner Freundin daraus lernen soll?

Diese Aktion schadet der Antifa-Bewegung, sie spielt den Nationalisten in die Hände. Um zum Fußball zurück zu kommen: ein Eigentor. Also bitte, liebe Fahnenabreisserin, lieber Fahnenabreisser. Egal aus welcher Motivation sie diese Fahne abgerissen haben, es produziert in jedem Fall Nationalismus. Den Rest kennt ihr ja.

PS: Ich habe herausgefunden, wo man die Druckvorlagen für die Zettel runterladen kann. http://cosmonautilus.blogsport.de/materialien/

Ein aufwändig gestaltetes Heftchen kann dort runter geladen werden und informiert minutiös darüber, wie man am besten die Fähnchen kaputt macht.

Der Urheber „Cosmonautilus“ will laut eigenem Bekunden als offene politische Gruppe aus Berlin Neukölln die Welt mitgestalten – gefragt und ungefragt.

Sie verstehen sich als Ortsgruppe der Linksjugend Solid (www.linksjugend-solid.de), der Jugendorganisation der Partei Die Linke.

Ein Funken Selbsterkenntnis erlöscht in einer großen Pfütze Selbstgerechtigkeit:
„... Denn das Abreißen von Deutschlandfahnen – zu dem wir an dieser Stelle explizit noch einmal nicht aufrufen wollen – beruhigt zwar das eigene linke Gewissen, gebietet der Flaggenflut aber meist ähnlich effektiv Einhalt wie der Tropfen den heißen Stein kühlt. Hinzu kommt, dass das Vergreifen an fremder Leute Sachen geeignet ist, diese fremden Leute in ihrer patriotischen Verbohrtheit zu bestärken, anti-linke Ressentiments zu befördern und einem fortschrittlichen Entwicklungsprozess der Gesellschaft eventuell sogar abträglich zu sein. Mit diesem praktischen Flyer allerdings könnt ihr den einstigen patriotischen Besitzer*innen eine kleine Nachricht hinterlassen, in der Hoffnung, einen Denkprozess in Gang zu setzen, der sich dann auch auf zukünftige sportliche Großereignisse positiv auswirken kann.“ 

Hätten die sich das mal lieber zu Herzen genommen.