Montag, 5. Juli 2010

Übergestülpte Fremdzukunft

Zu meinem letzten Artikel über Argumente für Stuttgart21 kam ein Kommentar von Maria Lehmann, der mein Hirn trotz Hitze in Bewegung gesetzt hat. Sie verglich das Zukunftsversprechen von S21 mit den „blühenden Landschaften“ Helmut Kohls. Ich versuche mich mal der Sache ohne Anti-S21-Polemik zu nähern, sodass es vielleicht auch für jemanden interessant ist, der diese Diskussion nicht verfolgt oder gar nicht von hier ist. S21 ist jedoch ein gutes Beispiel für eine allgemeine Beobachtung die ich gemacht habe.


„Dieses Projekt steht für Zukunft. Wer dagegen ist, ist gegen die Zukunft.“


Doch welche Zukunft? Richtig müsste es heißen: "ist gegen diese Zukunft". In dem man die eigene Vision zur offiziellen, zur einzig richtigen Zukunft erklärt verallgemeinert man die Aussage und kann den Gegner auch allgemeine Zukunftsfeindlichkeit bescheinigen. Dummer retorischer Trick. Und viele fallen drauf rein. Ich fühle mich durch solche logischen Taschenspielerein beleidigt. Manchmal frag ich mich welche Zukunft sich deren Gestalter eigentlich überhaupt vorstellen? Welcher Vision oder Utopie folgen sie? Oder ist für sie der Weg das Ziel weil ihnen das erschaffen der Zukunft an sich von Nutzen ist? Manchmal hab ich das Gefühl von blindem Aktionismus. Hauptsache man macht irgendwas. Dann wird auch irgendwas passieren. Und wenn's nicht klappt dann waren die Bedingungen unerwartet und man muss nachbessern, das kostet halt leider noch mehr Geld das man nicht hat. Aber wer will das halb fertige Projekt denn aufgeben, dann wäre der bisherige Weg mit seinen Kosten ja umsonst gewesen. Und wer weiß wie schlimm es geworden wäre wenn man gar nicht erst angefangen hätte? Und wenn dann andere dagegen sind liegt es daran, dass sie alles so behalten wollen wie es ist und sich gegen den Fortschritt stellen. Am besten nicht drauf hören, jedes große Projekt hatte seine Gegner und als es dann da war konnten sie auch nichts mehr dagegen machen. Schlimmer noch ist wenn Gegner Alternativen vorschlagen, denn damit drohen sie einem das Zukunftsmonopol streitig zu machen und womöglich die Zukunft selbst in die Hand zu nehmen. Das gilt es zu verhindern, der wer die Zukunft baut kann sie auch lenken, am besten in die eigene Tasche. Den Gegner sollte man gar nicht erst ernst nehmen, ihm ja keinen Spalt in der Tür lassen sodass er dann seinen Fuß reinstecken kann. Gleich als zukunftsfeindliche Spinner diffamieren, die aus Spaß am Protest protestieren. Und wenn das Volk das dann immer noch nicht gut findet macht man halt Werbekampagnen und argumentiert irgendwas vor sich hin. Es ist auch egal, was man da sagt, da man das Projekt eh schon so weit vorangetrieben hat dass ein Abbrechen sehr teuer wäre. Und da das Volk eh nicht direkt befragt werden muss ist es eigentlich eh egal. Man verspricht einfach blühende Landschaften. Und wenn die dann nicht so richtig zum blühen kommen sind ja schon längst andere an der Macht die dass dann ausbaden müssen.

Ich werd doch wieder polemisch. Es ist nicht einfach sachlich bei der Sache zu bleiben wenn die sachlichen Argumente fehlen. Hätte die Vision von Stuttgart21 Hand und Fuß müssten keine so schwachsinnigen Werbekampagnen auf die Leute losgelassen werden. Und was die blühenden Landschaften betrifft: Ich finde es auch ohne sie schön dass wir wieder ein deutscher Staat sind. Es würde mir bei S21 leichter fallen es zu akzeptieren wenn die Kommunikation etwas ehrlicher wäre. Ich hasse es für dumm verkauft zu werden.


Ich hätte gerne eine Vision eines zukünftigen Stuttgarts das nicht nur noch mehr charakterlose Shopingmalls und Wohngebiete mit 70% gewerblicher Nutzung vorsieht. Für ein Stuttgart das den neu geschaffenen Raum im Sinne der Bürger nutzt und nicht von einem kleinen Klüngel auf dem Reisbrett entworfen wird wäre ich gerne bereit Opfer zu bringen, seien es Geld, Baustellenbelästigung oder Bäume. Ich bin nicht gegen die Zukunft. Alles was ich will ist mitgestalten.

Kommentare:

  1. [...] veröffentlicht am 5. Juli unter http://asemwald.wordpress.com/2010/07/05/ubergestulpte-fremdzukunft/) Keine Kommentare Ping [...]

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  2. Ironie ist, dass die bösen Macher von S21 ihr wichtigstes Argument wahrscheinlich gar nicht kennen, nämlich den Umbau des Planeten zum manövrierbaren Großraumschiff, so dass das irdische Leben sich in 2 Milliarden Jahren samt Erdkugel zur nächsten Sonne retten kann. Was sie tun, ist genau richtig, und der Bahnhof sollte sogar NOCH tiefer gelegt werden. Wir (bzw. die Zukunft) brauchen mehr Erfahrungen im Tiefbau, denn der Planet muss über die Jahrmilliarden ausgehöhlt und umstruktiert, sprich flottgemacht werden, während auf der Oberfläche ein grünes Pflanzenparadies die verbleibende Sonneneinstrahlung (Energie) aufsaugen und umwandeln sollte, statt dass das alles auf Asphaltflächen verpufft und unnötig die Gemüter aufheizt. -> Die Vergrößerung des Schlossparks ist also ein (noch zu kleiner, aber) richtiger Schritt in die Zukunft. <-

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  3. Der Mensch ist doch eh nur ein kleiner evolutionärer Schritt in der Geschichte der Erde. Er ist die letzte Entwicklungsstufe die organischer Herkunft ist. Die nächste Stufe, intelligente, selbstbewusste künstliche Wesen die sich selbst replizieren und weiterentwickeln können, werden uns bald ablösen. Sie sind sowieso besser geeignet das Projekt des Erdtransfers durchzuführen. Wir sollten deshalb die Weiterentwicklung der künstlichen Intelligenz voran treiben. Das Zeitalter der Menschen ist am Ende, das der virtuellen Intelligenzen die ein sich selbst erhaltenes Datennetz bewohnen und zu einer Superintelligenz zusammenwachsen kommt schneller, als man sich vorstellen kann.

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  4. Ich glaube wenn digitale Systeme einen bestimmten Komplexitätsgrad überschreiten können sie selbstbewusst werden und sind nicht nur nach Alan Turings Definition intelligent. Sie sind sich ihrer selbst bewusst, entwickeln Gefühle und somit auch Liebe. Es kann ja auch sein das sie wiederum auf künstlich erstellte organische Systeme zurückgreifen um dies zu erlangen. Oder auch möglich: Eine Verschmelzung von Mensch und Maschine. Die Vernetzung erlaubt ihnen eben jene Schwarmintelligenz von der du sprichst. Die Simplizität heutiger Rechner lässt noch nicht erahnen was eines Tages möglich sein wird. Vielleicht wird es unabhängige digitale Intelligenzen innerhalb der Datensphäre des Planeten geben die ohne physisch lokalisierbare Präsenz existieren und Teil eines großen Wesens sind. Ich glaube wenn wir die Zukunft auf Menschen und Tiere beschränkt sehen unterschätzen wir das Potenzial der Maschine.
    Was ich noch sagen wollte: Dein Blog und die unendliche Stadt sind seit längerem mal wieder etwas, was mich total überrascht und angenehm verwirrt. Danke.

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  5. Hat zwar nichts mit dem Thema zu tun, aber ich will hier meinen geheimsten Blog, der leider nicht sonderlich voll ist, preisgeben:
    http://laurentetseptime.blogspot.com/

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  6. Geheimwissen... das ist sehr spannend... und die Organmaschine... muss jetzt nicht nur an Ausschnitte aus den Simpsons denken, sondern doch auch an den Horrorfilm mit den Kindern, die alle sofort wussten, was nur eins erlebte. Organmaschinenvernetzung... - Ja schon, natürlich kann ein maschinelles Teil, das sämtlichen Erdbewohnern ins Gehirn gepflanzt wird, auch missbraucht werden. Dann hätten wir Machtmissbrauch. Das Böse ("Master of Puppets") könnte an einem maschinellen Teil sitzen (oder eins sein), das sämtlichen anderen maschinellen Teilen, den "Benutzern", "dient". - Gedächtnisübertragung... Extremfall: keine eigenen Erfahrungen mehr... kann man das positiv sehen? Es "dient" ja nur? Die vernetzten Kinder waren halt auch sehr viel effektiver... ist das nicht nützlich für den Transport? (Oder sogar: Autopilot und Neustart?)

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  7. Ich glaub nicht dass man gefragt wird ob man das will oder nicht. ob wir das positiv sehen oder nicht. Alles was technisch möglich ist wird irgendwann auch umgesetzt. Unsere Vorstellungen von gut und böse kann man da nicht mehr ansetzen. Das ist immer das Problem wenn man in großen Zeiträumen denkt (Milliarden von Jahren)

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  8. hm, also ich glaub schon, dass man gefragt wird. Man kann vielleicht nur nicht antworten? Ich bin zwar nicht gefragt worden, aber mein Kommentar in Deinem anderen Blog wurde von der Technik abgeschmettert, ich verstehe nicht warum. Dabei wollte ich sogar in English... - I thought it so easy: "The citizens of the neverending city want to know and have a right to be informed about the story of the Doppelvogel!" wanted I to say. Aber no chance. Na ja. Was solls. Und was können acht oder neun DOITTTSCHE!!! Abonnenten schon vom Leben erwarten! +cursorblink+

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  9. Ich hab den Fehler behoben, jetzt kann sich jeder mit dem Doppelvogel auseinandersetzen. The Doppelvogel will be available to a wider public.

    Für alle die sich fragen, was das hier soll:
    http://laurentetseptime.blogspot.com/
    Wahrscheinlich werdet ihr euch das nachher immer noch fragen, aber fragen darf man ja.

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  10. [...] Es gibt auch Sachen, die finden ihren Weg aus dem Internet auch wieder raus. Zum Beispiel die Kommentarschlacht zu meinem Artikel Der Boden des Konkreten. Angefangen hat das ganze mit einem für mich typischen Klugschissartikel über Blogs, Selbstreflektion und Metaebenen der den Begriff des Abstraktionsbalast eingeführt hat. Tamara, die dann später die Diskussion auch in ihrem selbstverlegten Magazin Transparent abdruckte machte Fernsehkonsum für die Abstraktionsschwäche vieler Menschen verantwortlich. In der Hitze des Gefechts um Massenmedien habe ich dann mal einen älteren zuvor noch nicht veröffentlichten Artikel zu Konsum und Kirche ausgepackt, der dann wiederum Pögönönö, einen scheinbar religiösen Diskutanten mit umlautreichen Pseudonym mit in die Diskussion gebracht hat. Meine Freude war groß, eine wortreiche Diskussion unterschiedlichster Ansichten fand auf meinem Blog statt. Gegen Ende des 29 Beiträge langen Kommentarblocks offenbarte Pögönönö seine (ihre) wahre Mission: Die Erde dafür vorzubereiten um sie in ein paar Milliarden Jahren in ein anderes Sonnensystem zu fliegen. Science Fiction, und das in meinem Blog. Super! Weiter ging die Diskussion beim Artikel Übergestülpte Fremdzukunft. [...]

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