Samstag, 11. Juni 2011

Medea

Immer nur virtuell nervt auf Dauer auch, denk ich mir und gehe mal wieder ins Theater. Hier ist die Illusion greif- und unmittelbar. Besonders schön, wenn Freunde etwas inszenieren, in diesem Fall Ulrike und Velemir. Ob Malerei, Puppenspiel, Schauspiel oder Musik, die beiden schaffen es immer wieder, die Welt in einen magischen Ort zu verwandeln.

Ihr neuestes Stück „Medea“ wurde gestern im Theaterhaus uraufgeführt. Sie haben den klassischen Stoff modern umgesetzt. Da ich wahrlich keine Fachfrau für klassische Stoffe bin, will ich über die Adaption nicht weiter rumklugscheißen, mich interessiert viel mehr, was das Stück mir sagt. Und da ist es manchmal von Vorteil, Banausin zu sein. Ich kann mich viel unbeschwerter in das Stück vertiefen. Das Inszenierungsrumgekrittel überlass ich den Theaterkritikern, die dafür ihre eigenen Maßstäbe haben.

Handlungsort ist eine Dystopie, ein technokratischer Überwachungsstaat, beherrscht und unterdrückt von Kreon, einem skrupellosen Machtmenschen. Medea, eine Redakteurin der alles andere als freien Zeitung "Grenzenlose Wahrheit" bemerkt, dass Kinder im Land verschwinden. Ihr Chef Max warnt sie davor, das Thema zu verfolgen. Zuhause droht der nächste Ärger: Jason, ihr Gatte, fürchtet den sozialen Abstieg und will Kariere machen, um jeden Preis. Als Despot Kreon ihm einen hohen Posten verspricht, sagt er zu. Doch dazu muss er dessen Tochter, die eiskalte, im Reaktor erschaffene Glauke ehelichen. Währenddessen entdeckt Medea, dass die verschwundenen Kinder von der Regierung zur Prostitution gezwungen werden. Glauke fordert währenddessen Jason dazu auf, ihr seine Kinder zu bringen, was der verängstige Karierist dann auch tut. Medeas systemkritischen Nachforschungen fliegen auf, sie wird verurteilt und erschossen. Fast. Sie überlebt, besinnt sich ihrer Zauberkräfte und wirft das System in Chaos. Danach rettet sie ihre Kinder und will fliehen.

Dystopien zeigen gefährliche Entwicklungen in der gegenwärtigen Gesellschaft auf. In diesem Stück wird neben der üblichen Medien-, Technologie- und Überwachungskritik das Augenmerk auf Kinder gelegt. Im technokratischen Staat Kreons sind sie eine Ressource, die so effektiv wie möglich ausgebeutet werden muss. Unsere Gesellschaft ist auf dem besten Weg dort hin. Kinder werden immer früher eingeschult, müssen in immer kürzerer Zeit ihren Stoff lernen. Da bleibt wenig Freiraum zum Spielen.

Nicht nur das System übt heute Druck auf die Kinder aus, auch der Erwartungsdruck der Eltern steigt. Früh übt sich, wer Karriere machen soll. Schon in der Kita wird zweisprachig erzogen. Um den höheren Druck gerecht zu werden, werden in Deutschland jedes Jahr drei Milliarden Euro für Nachhilfe ausgegeben. Wenn die Bälger einen eigenen Kopf haben, dann gibt's eine Runde Ritalin und es ist Ruhe im Karton. Hauptsache man kommt ohne große Umwege so schnell wie möglich ins Arbeitsleben. Da bleibt den Kindern kaum noch Zeit und Muse, sich selbst zu entdecken, Umwege zu machen, auszuprobieren. Und da bleibt auch einiges auf der Strecke, wie zum Beispiel die Entwicklung eines gesunden Charakters. Wie viele Genies unserer Geschichte würde man heute als Kinder schon chemisch ruhig stellen? Wo wäre unsere Kultur ohne die Unangepassten, die Querschläger und -denker?

Burnout lautet immer häufiger die Diagnose bei überforderten Kindern. Sie leiden an Depressionen, weil sie Angst haben, den Erwartungen nicht gerecht zu werden. Doch wozu ist das gut? Um noch schneller in der globalisierten Welt mithalten zu können. Um unzählige kleine Zahnrädchen für ein reibungsloses System zu schaffen, das noch mehr Dinge produziert, deren Bedarf erst noch geweckt werden muss.

Alle reden vom Fortschritt. Doch was schreitet eigentlich voran? Macht er uns glücklicher? Sind unsere Leben erfüllter? Kann etwas glücklich machen, dessen Preis das Unglück ist? Wir wissen die Antwort, irgendwo ganz tief verschüttet. Verschüttet von der Angst, vom vermeintlichen Fortschritt abgehängt zu werden. Ab und an lohnt es sich mal inne zu halten und zu überlegen, was Glück für einen wirklich bedeutet. Zu hinterfragen, wohin das eigene Streben führt, ob die Ziele den Preis wert sind, die sie einem abverlangen.

Das hört sich jetzt nach handelsüblicher postmaterialistischer Antikapitalismusnölerei an, und das ist es auch. Wir alle haben diese Werte mehr oder weniger schon mit der Muttermilch eingeflößt bekommen und können uns auch nicht so leicht von ihnen lösen. Aber man muss ja nicht gleich über den eigenen Schatten springen, manchmal reicht es auch schon, sich des Schattens bewusst sein.

Das Theaterstück von Ulrike und Velemir hat mich daran erinnert, meine eigenen Werte und Ziele mal wieder zu überdenken. Und daran, dass meine Kindheit noch lange nicht abgeschlossen ist.

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Fotos: Martin Zentner

Ulrike Stegmiller: Schauspiel, Figurentheater
Velemir Pankratov: Schauspiel, Figurentheater, Musik, Puppenbau, Konzeption des Stückes
Daniel Oberegger: Filmschnitt, Schauspiel 
Till Sarach: Musik
Wilfried Kessler: Regie